Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Gefühle im Vakuum

Von Timo Posselt

Dieser Bass. Beim Zürcher Duo Divvas kriegst du ihn nicht mehr aus dem Ohr: Im Song «Brave Boy Blues» wummert er, dass sich Wasseroberflächen kräuseln. In «White Room» trottet er mit einem lahmen Bein, und in «Challenger Deep» prallt er auf dich ein wie ein Hagel aus Medizinbällen. Klingt ungemütlich? Ja, auch.

Man hört es sofort: Corinne Nora und Dave Eleanor können beides, grosse Popmelodien und sperrige Klangexperimente. Auf ihrer kürzlich erschienenen ersten EP, «Challenger Deep», entscheiden sie sich sowohl für das eine wie für das andere, und das ist unser Glück. Denn viele der sieben Songs auf dem Debüt überzeugen, gerade weil sie sperrig und einnehmend zugleich sind: So dämmert im Titelsong «Challenger Deep» zum Beispiel über den wogenden Synthies von Dave Eleanor und der brüchigen Stimme von Corinne Nora stets bedrohlich der Bass. Dann wird die Bedrohung plötzlich konkret, Noras Stimme scheint mit dem Bass zu ringen, und am Ende gewinnt der Song.

Alle Tracks auf «Challenger Deep» stehen in dieser Spannung zwischen melodiösem Pathos und Sperrigkeit. Das fordert die volle Aufmerksamkeit der ZuhörerInnen und ist gewollt: «Wir mögen es», sagt Corinne Nora, «wenn unsere Musik dieses vakuumartige Gefühl hat, das einen einfach hineinsaugt.» Auf «Challenger Deep» gelingt ihnen das schon ganz gut, und sie sind auf dem Schweizer Label und der Musikagentur Blaublau Records damit in bester Gesellschaft. Seine MacherInnen veröffentlichen nach eigener Aussage «anspruchsvollen Underground Pop» aus der Schweiz, nach den Rapduos Tommy Lobo und Göldin & Bit-Tuner folgt nun Divvas: Dieses Duo kennt sich gerade mal seit letztem Jahr. Corinne Nora hat Jazzgesang und Komposition in Bern studiert und Dave Eleanor Kompositionen für Theater und Film hinter sich. Kurz nach der ersten Begegnung bei einem Konzert schreiben sie einen gemeinsamen Song: «White Room». Darin driftet Noras Stimme ständig in ätherische Höhen ab, während Dave Eleanors Beat schleicht: Er scheppert mechanisch und surrt elektronisch. Das ist beispielhaft: Auch in «Slow Motion» hört man das trockene Schwingen der Basssaiten, und trotzdem fiept und knistert es digital im Hintergrund.

Der beste Song der EP ist «Koac»: Klappern auf Gitterstäben, lauernde Gitarren, Noras hochgepitchte Stimme, und dann fallen alle übereinander her. Das Video dazu zeigt ein Kampfhundetraining im Close-up. Man kann gut in diese Musik eintauchen. Nur dass es gemütlich wird, hat niemand behauptet.

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