Nr. 16/2018 vom 19.04.2018

Sie spielt Schlappschwanz statt Hard Rock

Die Norwegerin Jenny Hval füttert ihren Avantgardepop mit Konzepten, überfordert uns bewusst und verschwindet hinter den eigenen Rätseln. Diese bringt sie jetzt ins Zürcher Schauspielhaus.

Von Timo Posselt

Jenny Hval singt über Vampire, Menstruation, Liebe und Kapitalismus. Foto: Jenny Berger Myhre

Wir sind in Bergen, der zweitgrössten Stadt Norwegens. Es ist Februar 2016, und in der Mitte der einstigen Turnhalle Landmark hat sich ein dichter Kreis von Menschen um eine Frau mit blauer Perücke gebildet. Jenny Hval hat mit ihrer Band ein paar Songs gespielt, nun windet sie sich auf dem Boden, einen iPod in der Hand und weisse Kopfhörer in den Ohren. Sie hört einen Song von Lana Del Rey, wir hören ihn auch. Hval summt und singt mit. Was hat das alles zu bedeuten? Es ist nicht das einzige Rätsel, das uns Hval aufgibt.

Wenige Monate später veröffentlicht Jenny Hval mit «Blood Bitch» ihr fünftes Studioalbum, von der Musikpresse wird sie dafür überschwänglich gefeiert. Und diesmal macht sie auch allen klar, worum es ihr thematisch geht: Vampire, Menstruation, Liebe und Kapitalismus. Die Musik klingt wie ein Soundtrack: Synthieflächen, runtergekühlte Beats und eine oft erzählende, manchmal nur flüsternde Jenny Hval. Mit «Conceptual Romance» ist auch eine Single dabei, die durchweg wie das Intro für einen Ausbruch klingt, der nicht kommt. Das Album tröpfelt vor sich hin, und man ahnt bereits: Live würde das höchstens vor einem hoch konzentrierten Kunstpublikum funktionieren.

Apokalypse, Mädchen!

Mit ihrem Avantgardepop zielt Jenny Hval darauf, die Grenzen zwischen Pop- und Kunstkontext bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen. Umwabert von kunstaffinem Diskursrauch, läuft sie dabei ständig Gefahr, dass ihr vor lauter Konzeptualität der Pop abhandenkommt. Das führt auch nicht automatisch zu mehr Tiefe. So lässt sich Hval im Song «The Great Undressing» fragen, um was es auf dem Album gehe. Ihre Antwort: «It’s about vampires.» Es folgt glucksendes Lachen der Fragenden: «That’s so basic.» Je nach Sichtweise wirkt das Dreigestirn aus Menstruation, Vampiren und Kapitalismus wie eine naheliegende Diskursverschränkung oder aber wie prätentiöser Gugus. Hinter der Koketterie mit der Banalität kann die Künstlerin sowieso verschwinden.

Die 37-jährige Norwegerin hat in Melbourne kreatives Schreiben und Performance studiert, ihre musikalische Karriere begann sie 2006 unter dem Namen Rockettothesky. Damals schon schrieb sie sperrige Popsongs, doch diese suchten öfter die Harmonien und wurden meist noch von Gitarren zusammengehalten. Auf ihrem ersten Album als Jenny Hval («Viscera», 2011) singt sie dann von klitoraler Ermächtigung, in Melodien, die nachhallen. Feminismus steht auch im Zentrum von «Apocalypse, Girl» (2015). Auf «That Battle Is Over» liefert Hval frei assoziierend einen Abgesang auf die grossen ideologischen Kämpfe der Gegenwart und erkundet dabei alle Farben ihrer Stimme. Das Keyboard fiept sakral über einem entschleunigten Beat. Auf «Angels and Anaemia» bringt Hval den Selbstzweifel mit einnehmender Zerbrechlichkeit in ihre Stimme.

Musikalisch ist «Apocalypse, Girl» ambitiös, es fordert unsere volle Aufmerksamkeit. Inhaltlich gibt uns Jenny Hval ein weiteres Rätsel auf: «What is soft dick rock?», spricht sie im Opener. Rockmusik mit schlaffem Schwanz, was soll das sein? Hval erklärt es auch gleich selbst und spricht davon, dass sie «elements of dick» benutzen wolle, um einen sanfteren Sound zu erschaffen. Das klingt auf jeden Fall mal feministisch, aber was heisst das? Auf der Songtexteseite «Genius» erklärt die Künstlerin, dass sie die Definition des Wikipedia-Artikels für Softrock genommen und einfach «rock» durch «dick» ersetzt habe. Rock = Phallus. Okay, aber ist das mehr als ein müder Lacher?

Zuhören, nicht deuten

So grosszügig Hval ihre Referenzen offenlegt, verständlicher macht sie sich damit nicht. Zu deuten gebe es bei ihr sowieso nichts, meint Hval selbst. Wie sie dem norwegischen Gratispopmagazin «Natt og Dag» sagte: «Viele meiner Songs sind flach; was ich im Text selbst sage, ist genug. Weil ich denke, dass das Nachdenken darüber, dass etwas dahinter liegt, künstlich wird. Es entwertet sowohl das Lied wie auch das Zuhören.» Sie will also keine DeuterInnen, sondern ZuhörerInnen. Gleichzeitig legt sie uns eine falsche Fährte: Denn was ist Hvals referenzreiches Werk anderes als künstlich – im doppelten Wortsinn? Soft dick rock? Ich mach einfach nur Musik. Solche Rätselhaftigkeit kann auch eine Strategie sein, um über die Abwesenheit von Tiefe hinwegzutäuschen.

An Auftritten in der norwegischen Heimat oder auch in Montreal im vergangenen Jahr scheiterte Hvals Verschränkung von Pop und Kunst auf der Festivalbühne. Die Sängerin wirkte distanziert, das Publikum war unaufmerksam. Am Zürcher Schauspielhaus könnte es ihr hingegen gelingen: Im Rahmen der neuen Konzertreihe «Sonic Fiction» ist Jenny Hval vielleicht besser aufgehoben. Auf den preislich gestuften Sitzplätzen wird das Publikum hier still ihren Rätseln lauschen können.