Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Scheintot auf der Party

Von Florian KellerMail an AutorIn

Vorletzten Sommer wirkte er noch bezaubernd morbid in seiner Maskerade: Jonathan Bree, der geisterhafte Crooner ohne Gesicht. Wie eine traurige Schaufensterpuppe tingelte er die Ränder des Popzirkus entlang, das Antlitz stets hinter einer hautengen elastischen Maske verborgen. Jetzt, wo plötzlich alle Maske tragen, kommt einem dieses Phantom wie ein ominöser Vorbote vor.

Auf seinem letzten Album, «Sleepwalking» (2018), hat der Neuseeländer seinen orchestralen Kammerpop bereits zur Perfektion veredelt. Ein filmreifer Flirt mit der Dekadenz war das, die Songs zogen vorüber wie eine gespenstische Retrokutsche: eine Nachtmusik aus schattenhaften Streichern und sinistrem Geklingel. Nun, auf seinem vierten Album, büsst er etwas an Atmosphäre ein, aber das macht es nur interessanter. Zwar trällert Princess Chelsea als Gast in «Kiss My Lips» einen lieblichen Schlager wie aus den Sixties, ein reiner Pastiche aus der Nostalgiekiste. Aber solche Stilübungen schärfen hier nur den Sinn dafür, dass Jonathan Bree die Kulissen in seinem Spukschloss nun sachte in Richtung New Wave erweitert, wie sich das ganz zum Schluss von «Sleepwalking» schon angedeutet hatte.

Immer mal wieder schleicht sich da ein schwerelos tänzelnder Synthesizer unter die Streicher. «Cover Your Eyes» etwa: ein unwahrscheinlich eingängiger Bastard aus Synthiepop und Sixties-Flair. Aber gerade dort, wo Geigen und Glockenspiel ein besonders märchenhaftes Glitzern beschwören, hintertreibt der begnadete Arrangeur den Wohlklang gerne mit Dissonanzen oder unkeuschen Ratschlägen: Benutzt euren Kopf, Buben und Mädchen, wenn ihr die Antwort sucht (es geht um Oralsex).

Der Rest auf «After the Curtains Close» ist Liebestaumel und präventiver Trennungsschmerz. Oder auch, wie in «Children», der Unterschied zwischen Kids und Kindern: Dein Umfeld ist längst ins Einfamilienhaus in die Agglo gezogen, um Kinder aufzuziehen, nur du stehst immer noch scheintot auf Partys herum, ein welkes Unkraut zwischen Kids in ihrer Blüte.

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