Nr. 34/2020 vom 20.08.2020

«Afrika war ein komplexes, autarkes Gebilde»

Maryse Condé, die Grande Dame der Weltliteratur, berichtet in ihrer Autobiografie «Das ungeschminkte Leben» selbstkritisch über ihre Anfänge als Schriftstellerin und über die schonungslose Suche nach ihren Wurzeln.

Von Eva Pfister

Unbeirrt im Plan, ihren gelobten Sehnsuchtskontinent zu verstehen: Maryse Condé, hier 1984 in Segu, Mali. Foto: Jean-Jacques Bernier, Getty

Sie ist die Gewinnerin eines buchstäblich «einmaligen» Literaturpreises. Im Jahr 2018, als sich die schwedische Nobel-Akademie wegen Sex- und Finanzskandalen auflöste, vergab die spontan gegründete «Neue Akademie» den «Alternativen Literaturnobelpreis» an Maryse Condé. Sie habe, so die Begründung, «einen wichtigen Beitrag zur Weltliteratur geleistet und in ihren Büchern respektvoll und präzise, aber auch mit Humor über die Verheerungen des Kolonialismus und die chaotische Zeit des Postkolonialismus geschrieben».

Maryse Condé wurde am 11.  Februar 1937 auf der Karibikinsel Guadeloupe als jüngstes von acht Kindern geboren. Sie studierte in Paris und glaubte, eine glänzende Hochschulkarriere vor sich zu haben. Als sie jedoch mit achtzehn Jahren schwanger wurde, brach für sie eine Welt zusammen. Dazu kam eine Tuberkulosekrankheit, die sie für über ein Jahr in die Isolation in einem Sanatorium in Vence zwang. Zurück in Paris, schloss sie sich einer Gruppe von StudentInnen aus Guinea an, lernte dort Mamadou Condé kennen, der ihr erster Ehemann wurde. Ihre ledige Mutterschaft verheimlichte sie zunächst.

Allein mit vier Kindern in Ghana

Bei der Autobiografie von Maryse Condé ist der Titel «Das ungeschminkte Leben» keine leere Floskel. Schonungslos schreibt die alte, vor allem im frankofonen Raum hochgeehrte Autorin über die junge Frau, die sie einst war, mit all ihren Verletzungen, Unsicherheiten und Illusionen. Auch ihre einstige Liebe zu Afrika entmystifiziert sie. Heute sieht sie in der Demütigung durch den Haitianer, der sie schwängerte und sitzen liess, den Grund, sich jenem Kontinent zuzuwenden, aus dem ihre Vorfahren stammten: Sie ist überzeugt, dass für ihn, der einen weissen und einen Schwarzen Elternteil hatte, eine Schwarze Ehefrau nicht infrage kam. Ihre Ehe mit Mamadou Condé war schwierig, und so brach sie von Paris erst einmal allein auf den afrikanischen Kontinent auf. Als Französischlehrerin in Bingerville in Côte d’Ivoire brachte sie die erste gemeinsame Tochter zur Welt, lebte dann einige Jahre mit Condé in seiner Heimat Guinea, bekam noch zwei Töchter – und brach ein paar Jahre später mit allen vier Kindern ohne Mann nach Ghana auf.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, welch chaotisches Leben diese junge Maryse Condé führte, wie kühn sie handelte, dabei oft ziellos wirkte und doch unbeirrt den Plan verfolgte, ihren gelobten Sehnsuchtskontinent Afrika zu verstehen. Seltsamerweise lernte sie nie eine der einheimischen Sprachen und weigerte sich, die Kleidung der afrikanischen Frauen anzuziehen. Sie blieb eine Aussenseiterin und fühlte sich auch als solche.

Vermutlich ist es gerade diese Beobachterinnenposition, die ihr später als Schriftstellerin zugutekam.

Was sie bald begriff: Kein afrikanisches Land ist wie das andere. «An der Elfenbeinküste hatte ich den Eindruck, ein neues Afrika sei im Entstehen. Ein Afrika, das sich ausschliesslich auf die eigenen Kräfte verliess, das Arroganz und Paternalismus der Kolonisatoren abschütteln würde.» Ernüchternd war dann das Leben in Guinea, das nach seiner Unabhängigkeit ab 1958 eine angeblich sozialistische Republik war. Die Familie Condé unterstützte zwar den Kurs der Regierung, gehörte aber nicht zur Elite und litt daher auch unter den Versorgungsmängeln: «Jeden Tag spaltete sich die Gesellschaft ein wenig mehr in zwei Gruppen, die ein unüberbrückbares Meer der Vorurteile trennte. Wir wankten in überfüllten, schrottreifen Autobussen über die Strassen, während neben uns aufgedonnerte, schmuckbehängte Frauen und Männer vorbeifuhren, die in einem glitzernden Mercedes mit Wimpel sassen und demonstrativ Havannas rauchten, auf deren Bauchbinde ihre Initialen eingraviert waren.»

Ganz anders erging es Maryse Condé in Ghana, das noch von der britischen Kolonialzeit geprägt war und zum Commonwealth gehörte. Durch ihre Arbeit an einer Eliteschule gehörte sie hier plötzlich zur Oberschicht. Allerdings erlebte sie als alleinstehende Frau viele Übergriffe mächtiger Männer und lernte nur schwer, sich zu wehren. Dann verliebte sie sich in den Anwalt Kwame Aidoo, der einer alten afrikanischen Adelsfamilie entstammte, und gewann wieder eine neue Sicht auf den Kontinent. Sie erlebte, wie die Menschen dem König der Aschantis zujubelten, sie sah die Grausamkeiten, aber auch die Schönheit der alten Traditionen, und sie kam zum Schluss: «Afrika war ein komplexes, autarkes Gebilde, das man als Ganzes annehmen musste, mit allem, was unschön, wie auch mit allem, was glanzvoll und einzigartig war.»

25 Jahre nach ihrer Zeit in Ghana schrieb Maryse Condé den historischen Roman «Segu. Die Mauern aus Lehm», der sie weltweit bekannt machte und für den sie 1988 mit dem «LiBeraturpreis» ausgezeichnet wurde. In dieser spannenden Familiensaga und ihrer Fortsetzung «Wie Spreu im Wind» (2013) beschreibt Maryse Condé die Geschichte und die faszinierende Kultur von Segu. Die Stadt liegt am Fluss Niger, im heutigen Mali, und war einst das Zentrum eines Reiches mit einer grossen Tradition. Ohne wertend zu kommentieren, schildert die Autorin die Hierarchien der Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert: die adligen Herrscher, die patriarchalischen Familien und die SklavInnen, die im Haus und auf den Feldern die Arbeit verrichten. Sie macht die LeserInnen mit den «Griots», den singenden Geschichtenerzählern, bekannt, mit Heilerinnen und Magiern, mit der Landschaft und den Ritualen. Deutlich wird ihre Trauer über den Zerfall der alten Reiche, der durch das Eindringen des Islam vorbereitet und durch die französischen Kolonisatoren vollendet wurde, die sich die Konflikte unter den Religionen und ethnischen Gruppen zunutze machten.

Als Maryse Condé diese Romane schrieb, lebte sie schon lange nicht mehr in Afrika. Sie war nach einem Zwischenspiel in London und einer weiteren Zeit in Afrika nach Paris zurückgekehrt, lebte auch wieder in Guadeloupe, war als Literaturprofessorin in den USA tätig. Heute lebt sie in Südfrankreich. Ihre Autobiografie endet jedoch mit ihrer afrikanischen Zeit und dem Resümee: Als Schriftstellerin «konnte ich Afrika endlich zähmen, in verwandelter Form zog es in alle Winkel meiner Imagination ein, auf diese Weise endlich unterworfen».

Zwischen Liebe und Verachtung

Nur andeutungsweise erwähnt Maryse Condé ihre Jugend in einer Aufsteigerfamilie, in der Bildung als das höchste Gut galt und die Négritude ein Religionsersatz war. Um diese Herkunft zu verstehen, empfiehlt sich die Lektüre von «Victoire. Ein Frauenleben im kolonialen Guadeloupe». Darin schreibt sie über ihre Grossmutter, Tochter eines Schwarzen und eines weissen Elternteils, die ihr Leben lang Analphabetin blieb und zufrieden schien mit ihrer Rolle als Dienstmädchen. Sie war eine hervorragende Köchin und tat alles, um ihrer Tochter, die sie sehr jung und unehelich auf die Welt brachte, ein besseres Leben zu ermöglichen. Diese wiederum nutzte die Chance, wurde Lehrerin, fühlte sich als Teil der neuen Schwarzen Elite und lebte im Zwiespalt zwischen der Liebe zu ihrer Mutter und der Verachtung für Menschen wie sie.

Ihre Tochter Maryse Condé beschreibt in diesem hochinteressanten Buch, das biografische Recherche mit erzählerischer Fiktion mischt, mit grossem Einfühlungsvermögen, welche psychischen Folgen die Sklavenhaltergesellschaft auf die Menschen hat. Auch noch lange nach dem Ende des Kolonialismus.

Maryse Condé: «Victoire. Ein Frauenleben im kolonialen Guadeloupe». Aus dem Französischen von Peter Trier. Verlag Litradukt. Trier 2011. 264 Seiten. 24 Franken.

Maryse Condé: «Segu» und «Wie Spreu im Wind». Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Unionsverlag. Zürich 2012 und 2013. Jeweils 23 Franken.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch