Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Von Daniel Janser

Paarungen in Bern

Gute Themen- und Gästeauswahl am achten Literaturfestival in Bern. Vielversprechende Paarungen auch: Melinda Nadj Abonji etwa präsentiert ihre Texte zum Chronisten der proletarischen Schweiz, dem Fotografen Ernst Koehli. Der Analytiker faschistischer «Männerfantasien», Klaus Theweleit, kann leider nicht kommen; die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach diskutiert nun mit Christine Lötscher über «Gewalt an Frauen». Überhaupt wird viel debattiert – etwa über Wahrnehmung und Realität in der Literatur, mit dem ökonomisch versierten Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, dem Schriftsteller Jonas Lüscher («Kraft») und dem Philosophen Stefan Zweifel.

Man kann aber auch mit AutorInnen in Dunkelkammern steigen und dort Geschichten vom Entstehen und Verschwinden nachspüren, mit Zoran Terzic über die herrschende «Idiocracy» nachdenken oder mit der Schauspielerin Angela Winkler in «Mein blaues Zimmer» – ihre Lebenserinnerungen – eintauchen und dort Theatergrössen und Meilensteinen der deutschen Filmgeschichte begegnen. Judith Hermann spricht über Robert Walser, und auf einer Literaturbühne für Kinder werden Geschichten über den «besten Notfall der Welt», «Hilda und die Prinzessin» und «Wolfskinder» erzählt. Selbstverständlich sind auch fast alle Berner Lokalmatadore am Start – von Giuliano Musio über Raphael Urweider bis zu Lukas Bärfuss.

8. Berner Literaturfestival in: Bern verschiedene Orte, bis So, 30. August 2020. Genaues Programm: www.berner-literaturfest.ch.

Vehfreude im Keller

Die meisten kennen das Dorf St. Antönien und seine grossartige Berglandschaft wohl vom Wandern: grasgrüne, teils extrem steile Hänge, zum Himmel hin übergehend in grauweiss leuchtende Geröllrunsen und felsige Gipfel.

Doch nicht genug: Es gibt auch ein Ortsmuseum in St. Antönien, das mit einer kleinen, ambitionierten Ausstellung aufwartet, die einen witzigen Dialog zwischen Gegenwartskunst, dem Ort, seiner im Museum bewahrten Alltagsgeschichte und der Kuh inszeniert. Der Exilbündner Hans Danuser etwa hat eine Kunstgeschichte der Kuh im Postkartenformat zusammengestellt. Lackierte Gemälde von Klodin Erb als Hommage an St. Antöniens faszinierende Keramiktradition treffen auf Roman Signer im staubigen Strassenkajak: Er wird begleitet von einer Viehherde im wilden Ritt, der die Kühe plötzlich anmutig wie Camarguepferde ausschauen lässt. Nur noch drei Wochen!

«Vehlandschaften» in: St. Antönien Talmuseum im Postkeller, bis Sa, 19. September 2020. Geöffnet mittwochs und samstags von 15 bis 17 Uhr. www.vehlandschaften.ch

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