Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Global wie Granit

Von David Hunziker

Wer heutzutage seinem Baby einen Namen geben muss, hats wirklich nicht leicht. Die biblischen Klassiker, einst sichere Werte des Schweizer Mittelstands, klingen heute langweilig und weiss, zu exotisch ist auch schwierig, und der dominierende Trend mit den vielen Vokalen und weichen Konsonanten (Leon, Mia) klingt nach Wohlfühlterror in der Yogagesellschaft. Vielleicht ist der perfekte Schweizer Name also einer, der hierzulande geläufig ist, einer, der das steinerne Herz der Alpen bezeichnet, trotz Kanten nicht sperrig klingt und gleichzeitig von kosmopolitischem Bewusstsein zeugt: Granit.

Der Reporter Hannes Grassegger hat im «Magazin» von Tamedia ausführlich begründet, warum er seinem Sohn den albanischen Vornamen gegeben hat – nur als zweiten allerdings, aber immerhin. Grassegger erzählt, wie er wiederholt für seine Herkunft diskriminiert wurde, in Berlin als Schwabe, in Zürich als Deutscher (er käme aus «einem Volk von industriellen Menschenvernichtern», musste er sich in einem besetzten Haus anhören). Und er erzählt, wie ihm die Schweizer Nationalspieler mit den albanischen Namen während der EM 2016 das Gefühl gaben, hier zu Hause zu sein. Deshalb fühlt er sich den in ganz Europa verstreuten AlbanerInnen mit ihrer «grenzenlosen Identität» verbunden. Albanien sei eher eine Idee als ein Ort, ein «Netzwerkstaat».

Die Pointe bei Grassegger: Granit bedeutet auf Albanisch nichts anderes als auf Deutsch, ein perfektes Bild individueller Resilienz. Denn es macht natürlich noch viel mehr Spass, Teil dieses grenzenlosen Netzwerks zu sein, wenn einem «die ganze Welt offensteht», weil man, wie der kleine Granit, drei Pässe besitzt und nicht vor einem Krieg flüchten musste. Und wenn man einen Daddy hat, der sein kosmopolitisches Kapital mit einem Namen aufbessert, der nur dann überhaupt sichtbar wird, wenn einer der drei Pässe gezückt wird. Gut, ob Granit das spassig findet, kann er dann selber entscheiden, wenn er gross ist.

Wie das Kind mit erstem Vornamen heisst, erfährt man leider nicht. Leon vielleicht? Oder Hannes Jr.?

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