Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Turboprämien als Trostpflaster

Bei der «Süddeutschen Zeitung» sollen bis zu fünfzig Stellen gestrichen werden. Die Manager der grössten seriösen Tageszeitung Deutschlands verdienen ihr Geld lieber mit Meditationsapps.

Von Josef-Otto Freudenreich, Stuttgart

SpötterInnen sagen gerne, die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) gebe es gar nicht. Niemand kenne den grössten deutschen Tageszeitungskonzern, weil er selbst über sich schweige und seine Regionalblätter («Stuttgarter Zeitung», «Die Rheinpfalz», «Schwarzwälder Bote») im Medienzirkus eine eher untergeordnete Rolle spielten. Seit dem Kauf der «Süddeutschen Zeitung» anno 2008, für stolze 700 Millionen Euro, ist das anders. Fortan war die Stuttgarter SWMH ein Objekt auf dem Radar, das sich einerseits immer noch unsichtbar machen wollte, andererseits aber so stolz war auf sein Flaggschiff aus München, dass sich die eigene Existenz nicht mehr verheimlichen liess. Spätestens mit den «Panama Papers» seien die Manager aus ihren Anzügen geplatzt, heisst es.

Das hat sie jetzt nicht gehindert, auch bei ihrem Weltblatt das zu tun, was sie bei ihren fünfzehn Tageszeitungen – von Offenburg im Westen bis nach Suhl im Osten Deutschlands – schon immer getan haben: auf Kosten des Journalismus zu sparen. Bis zu fünfzig Stellen sollen in der Redaktion wegfallen, zehn Prozent der Belegschaft, so viel wie nie in der Geschichte der «Süddeutschen». Im Rahmen eines «Freiwilligenprogramms» (so der Konzernjargon) können die SZ-KollegInnen, die von sich aus kündigen, mit einer Abfindung von bis zu 134 000 Euro rechnen (fünfzig Prozent davon nimmt der Fiskus). Mit einer Turboprämie (30 000 Euro) wird zudem belohnt, wer seinen Schreibtisch bis Ende Oktober räumt.

«Beschissene Stimmung»

Die Begründung: Die Anzeigenerlöse seien weiter eingebrochen, die Verluste im Printbereich weiter gestiegen, Druckaufträge massenweise storniert worden. Genaue Umsatzzahlen nennt Geschäftsführer Stefan Hilscher auf der Redaktionsversammlung nicht, er lässt bei der Verkündung am 15. September nur durchblicken, dass die JournalistInnen froh sein könnten, nicht mit Schlimmerem konfrontiert zu werden. Wütende Wirtschaftsredaktoren fragen nach, erfolglos, es ist die Rede von einer «beschissenen Stimmung», in der die Redaktion den grossen Sprung in die Transformation schaffen soll. Derweil feiert das Management die 150 000. Digitalabonnentin der «Süddeutschen Zeitung», vorneweg CEO Christian Wegner, der 2018 vom deutschen Kommerzkanal ProSiebenSat.1 gekommen ist.

Mit Klangschalen in die Zukunft

Dort war der Betriebswirt mit der Datingagentur Parship erfolgreich. Kenntnisse über die Zeitungsbranche sammelte er freilich nicht, woran sich seitdem, so der Vorsitzende des SWMH-Konzernbetriebsrats, Harald Pürzel, nichts geändert habe. Was Wegner könne? Rationalisieren, Leute rausschmeissen, Seilschaften bilden und «kampfduzen», sagt Pürzel. Seit Wegners Amtsantritt gebe es in der Chefetage keine Krawatten und Nachnamen mehr.

Solange Wegner sie in Ruhe gelassen hat, nur in Stuttgart und anderswo geholzt hat, ist die SZ-Redaktion ihrer Wege gegangen. Mit der Pandemie hat sich nun aber ein günstiger Zeitpunkt ergeben, um auch in München das umzusetzen, was sich Wegners Vorgänger nie getraut haben: ein rabiater Stellenabbau, stets verbunden mit dem Hinweis, dass der Verlag nur so «zukunftsfest» aufzustellen sei. Die SWMH-Gesellschafter, die schon immer der Meinung waren, dass die RedaktorInnen viel zu gut bezahlt würden, wird es freuen. Jene Gesellschafter sind eine Reihe von württembergischen Verlegern («Südwestpresse», «Schwarzwälder Bote», «Heilbronner Stimme»), die jeden Cent dreimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben. Dazu kommt als Mehrheitseigner die Schaub-Gruppe («Die Rheinpfalz») aus Ludwigshafen, die ebenfalls für grosse Kostendisziplin steht.

Das ist natürlich nicht die Kragenweite einer national bedeutenden Redaktion. Aber ihr Korsett, das sie jetzt erstmals spürt. Stramm gezogen von einem CEO, der, so Betriebsratschef Pürzel, mit Vorliebe junge BetriebswirtInnen einstelle, die dann an Rotstiftprogrammen arbeiteten. Und der als jüngsten Coup die Akquise der Plattform «7mind» feierte, die Meditation, Achtsamkeit und Klangschalen im Programm hat.

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