Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Von Florian KellerMail an AutorIn

Ich, aber im Plural

«Can I Be Me», aber ohne Fragezeichen: Damit startet die zweite Ausgabe von «Oh Body», den feministischen Theater- und Performancetagen in Bern. Die Frage, die keine ist, steht im Titel des Dokumentarfilms über Whitney Houston, der das Festival eröffnet – gleich nach einer Lecture Performance, in der Antje Schupp sich fragt, worauf es denn eigentlich ankomme, ob und wie jemand Ich sein kann: auf Zuschreibungen und Herkunft? Oder auch auf Liebe, Hartnäckigkeit und den Mut zum Widerstand?

Die Tänzerin und Choreografin Joana Tischkau wagt in «Playblack» ein feministisches Remake der einst beliebten «Mini Playback Show», um mittels Drag und Playback rassistische und sexistische Strategien aus der Popkultur zu entlarven. Und ein ganzes Kaleidoskop von Ichs begegnet uns bei Julian Rosefeldts Kunstfilm «Manifesto» (2015). Die atemberaubend wandlungsfähige Cate Blanchett verkörpert darin ein Dutzend verschiedene Figuren, von der Fabrikarbeiterin über die Nachrichtensprecherin bis zum zotteligen Obdachlosen – wobei sie sich das männlich dominierte Thesenarsenal der Moderne aneignet, denn jede dieser Episoden kreist um ein historisches Manifest: vom Kommunismus über Fluxus und Dadaismus bis zum dänischen Film-Dogma.

«Oh Body» in: Bern Reitschule und Schlachthaus Theater; bis So, 11. Oktober 2020. Programm siehe www.schlachthaus.ch.

Im Land der Paranoia

Wie sagt man doch: Nur weil du paranoid bist, heisst das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Beim Familienvater, der sich im Film «Take Shelter» (2011) einen sturmsicheren Bunker hinter dem Haus baut, zeigt sich jedoch, dass man den Spruch auch umdrehen kann: Nur weil niemand hinter dir her ist, heisst das noch lange nicht, dass du nicht trotzdem paranoid werden könntest.

Alles nur Täuschung, alles von einer fremden Macht kontrolliert? Die Struktur des paranoiden Denkens ist in der US-Kultur tief verwurzelt, im Kino ist daraus gar ein eigenes Genre entstanden. «The United States of Paranoia» heisst folgerichtig die grosse neue Reihe im Stadtkino Basel, mit fünfzehn Filmen von «Invasion of the Body Snatchers» (1956) über «The Parallax View» (1974) bis zu «Get Out» (2017). Ein stimmigeres Programm zu den Präsidentschaftswahlen im Herbst lässt sich nicht denken. Oder wie der Ko-Kurator Johannes Binotto zur Reihe schreibt: Wenn der Paranoiker in seinem Verfolgungswahn eine lückenlose Erklärung für alles zu haben glaubt, entpuppt sich das Aushalten von Ambivalenz und Unsicherheit als Zeichen von Gesundheit.

«The United States of Paranoia» in: Basel Stadtkino; bis 31. Oktober 2020. Programm siehe www.stadtkinobasel.ch.

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