Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Rocky und die Bürokratie

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Ich will kein Mitleid im ersten Jahr», verkündete Christian Jungen, der neue künstlerische Leiter des Zurich Film Festival (ZFF), im Interview mit der «Schweizer Illustrierten». Da fragte man sich prompt: Aber im zweiten Jahr dann schon? Doch Spass beiseite. Eigentlich ja ganz sympathisch, diese kämpferische Einstellung des früheren Filmkritikers; als Arbeiterkind hat er das bei seinem filmischen Idol Rocky Balboa abgeschaut: Ob der Gegner nun Ivan Drago heisst oder Corona, du schlägst dich durch, denn Mitleid ist etwas für Opfer.

Die Pointe konnte man dann einige Tage später in einem Primeur des «Tages-Anzeigers» lesen: Während die Kinos mit ihren Anträgen auf Corona-Unterstützungsgelder seit Mai hingehalten werden, hat das ZFF von Stadt und Kanton Zürich bereits finanzielle Nothilfe über 723 600 Franken erhalten, um weggebrochene Sponsorengelder zu kompensieren. Die Summe an Fördergeldern, die das Festival von der öffentlichen Hand erhält, wurde damit mal eben ganz unbürokratisch verdoppelt. Mitleid wofür also? Direktor Jungen, so erfuhr man derweil in der «Aargauer Zeitung», «bezeichnet sich auch als libertär Denkenden, der sich vom Staat nicht reinreden lassen will». Ganz nach der libertären Maxime: Gewinne privatisieren, bei Verlusten darf der Staat dann gerne mit Kapital dreinreden.

Wobei, stimmt schon: Normale Kinos gelten nun mal als gewinnorientierte Kulturhäuser, weshalb sie laut «Tages-Anzeiger» nur mit fünfzig Prozent staatlicher Entschädigung rechnen können. Die ZFF AG dagegen darf laut Statuten keine Gewinne ausschütten und gilt deshalb als gemeinnützige Firma. Das ist mindestens kurios, da das Filmfest bekanntlich im Besitz der sehr gewinnorientierten NZZ-Mediengruppe ist. Das ZFF wird dort im Geschäftsbereich «Live» geführt – und aus dem Geschäftsbereich «Print» wurde just am Tag vor dem Festival bekannt, dass die NZZ ihren Filmredaktor Lory Roebuck wegrationalisiert. Der Grund: Sparmassnahmen.

Was braucht die NZZ noch einen eigenen Filmkritiker, wo der Konzern doch ein ganzes Filmfestival sein Eigen nennt?

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