Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Die unbeirrte Pionierin

Von Daniela JanserMail an AutorIn

«Unbought and Unbossed» – das steht nicht nur auf ihrem Grabstein, sondern war auch das Motto ihrer Wahlkämpfe und der Titel ihrer Autobiografie. Ein Slogan wie eine zweite Haut – und nur sehr schwer zu übersetzen. Vielleicht so: ungekauft und ungegängelt.

Die aufsehenerregende Politkarriere war ihr nicht in die Wiege gelegt. Zur Welt kam sie am 30. November 1924 im New Yorker Stadtteil Brooklyn, ihre Mutter arbeitete als Schneiderin, der Vater in einer Fabrik für Jutetaschen. Als sie fünf Jahre alt war, wurden sie und ihre zwei Schwestern zur Grossmutter nach Barbados gebracht. Und auch wenn sie als Zehnjährige nach New York zurückkehrte, behielt sie ihren karibischen Akzent ein Leben lang bei.

Die ausgebildete Kleinkinderzieherin war selber kinderlos. Im Debattierklub an der Schule und später im Studium perfektionierte sie ihr rhetorisches Talent, an der Uni wurde sie «wütend», wie sie später zu Protokoll gab. 1953 stieg die begnadete Rednerin mit unbestechlichem Gerechtigkeitssinn in die Politik ein, sie engagierte sich in der Kampagne für den ersten schwarzen Bezirksrichter von Brooklyn.

1968 wurde sie als erste schwarze Frau in den US-Kongress gewählt und – als Vertreterin von Brooklyn – prompt im obskuren «Komitee für Forstwirtschaft und ländliche Ortschaften» versorgt. Dass sie dagegen protestierte, nahm man dem Neuling in Washington sehr übel. Geholfen hats trotzdem, sie erhielt Einsitz im Komitee für «Veteranenfragen». Ihr trockener Kommentar dazu: Immerhin habe man realisiert, dass es in Brooklyn mehr Veteranen als Bäume gebe.

1972 kandidierte sie für das höchste Amt der USA mit den Worten: «Ich bin nicht die Kandidatin für das schwarze Amerika, obwohl ich schwarz und stolz darauf bin. Ich bin nicht die Kandidatin für die Frauenbewegung, obwohl ich eine Frau und stolz darauf bin. Ich stehe hier ohne Unterstützung von bekannten Politikern oder Stars. Ich habe nicht vor, Ihnen müde Klischees vorzusetzen, die wir schon viel zu lange als Teil unseres politischen Alltags akzeptieren. Ich bin die Kandidatin aller Amerikanerinnen und Amerikaner.»

Wer ist die 2005 verstorbene Politpionierin, deren Schlagfertigkeit und Aufrichtigkeit gefürchtet waren und deren Kampagnenlogo kürzlich von der Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris anzitiert wurde?

Wir fragten nach der New Yorker Politikerin Shirley Chisholm (1924–2005), die 1972 als erste Frau und als erste Afroamerikanerin für die US-Präsidentschaft kandidierte. Bei der Präsidentschaftsvorwahl der DemokratInnen unterlag sie George McGovern haushoch. Chisholm sah ihre Kandidatur als Demonstration ihres «unverfälschten Willens und der Weigerung, den Status quo zu akzeptieren». 1982 trat sie aus dem Repräsentantenhaus zurück, blieb aber politisch aktiv.

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