Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Von Jürg Fischer

Anfällige

«Erstmals seit dem Final der Final Fours der Nations League im Juni 2019 gehört Shaqiri wieder dazu. Gegen England stand er damals auf dem Platz – und humpelte nach 65 Minuten verletzt vom Feld humpelte», stand vor einigen Tagen im «Tages-Anzeiger». Es befiel ihn die von unserer Schwesterrubrik «Schlagzeiten» in der «SonntagsZeitung» so genannte Echoseuche. Dass Shaqiri in der Zwischenzeit positiv auf das Coronavirus getestet wurde, ist wohl nicht der Zeitung anzulasten.

Abgefahrene

Die genannten «Schlagzeiten» hatten sich übrigens über den Satz «Pogacar pedalte den Berg hinauf, als ob er um sein Leben führe» aus der eigenen Zeitung lustig gemacht. Worauf sie anscheinend darauf aufmerksam gemacht wurde, dass «führe» als Konjunktivform durchaus regelkonform sei. Doch warum nicht «fahre», fragen wir und rufen ein weiteres Mal zur Rettung des Konjunktivs I auf.

Leibeigene

«Für viele Hundert Jahre lagen die Verknüpfungen der Stadt Zürich mit dem Sklavenhandel und der Sklaverei weitgehend im Dunkeln», lasen wir ebenfalls im «Tages-Anzeiger»: «Erst als 2017 bekannt wurde, dass der Vater von Alfred Escher in Kuba eine Plantage mit 80 Sklaven besass, wurde es plötzlich zum Thema.» Hoffen wir, dass es für das Umschreiben der Geschichtsbücher nicht ganz so lange braucht.

Holprige

«Schweizer Bankkunden können neu bei auch bei Bancomaten fremder Banken auf alle Funktionen zugreifen», weiss watson.ch. Auf das Angebot haben wir gar nicht unbedingt gewartet. Auf einwandfreie Mitteilung schon.

Empathische

«… verstarb der 18-Jährige leider noch vor Ort», gab das «Tagblatt der Stadt Zürich» bekannt, und in der gleichen Meldung über ein weiteres Unfallopfer: «… und verstarb leider noch vor Ort». Müssen wir damit rechnen, dass dies jetzt zur rituellen Formel in der Zürcher Polizeiberichterstattung wird? Mögen in Zukunft möglichst wenige Opfer in die Fänge der Redaktion geraten!

Unmusikalische

«Der einflussreiche Komponist Franz Fühmann habe ihn protegiert», äusserte gemäss der NZZ der Lyriker Uwe Kolbe in einem Gespräch über die DDR. Nach unserem bisherigen Wissensstand war Fühmann aber nicht Komponist, sondern Kommunist. Der ungewollte Berufungswandel ist ein Hinweis darauf, wie wenig es heute zählt, Kommunist gewesen zu sein. Beziehungsweise wie sehr die Autokorrektur die Weltherrschaft übernommen hat.

Unterdrückte

Ebenfalls in der NZZ fand sich die Passage: «Die Übergriffe beschränkten sich aber nicht nur auf die sexuelle Ausbeutung verzweifelter Frauen. Kongolesinnen wurden auch gegen ihren Willen sexuell missbraucht.» Wir erlauben uns, nicht zum ersten und voraussichtlich leider auch nicht zum letzten Mal, ein paar Fragen: Gibt es sexuellen Missbrauch, der nicht «gegen ihren WiIlen» verübt wird? Warum «auch»? Wozu dient hier die Differenzierung von sexuellem Missbrauch und der sexuellen Ausbeutung verzweifelter Frauen? Reflektierte Sprache wäre ein Schritt auf dem Weg zu weniger Gewalt.

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