Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Digitale Rattenschwänze

Von Florian Wüstholz

Eine kuriose Geschichte erreichte kürzlich die WOZ-Redaktion. Eine Leserin hatte eine neue Mobilnummer erhalten und bekam plötzlich SMS-Nachrichten über Zahlungseingänge auf ein fremdes Postfinance-Konto – jeweils mit dem aktuellen Kontostand und dem Namen der fremden Person. Offenbar war ihre neue Nummer noch mit einem anderen Konto verknüpft.

Neben dieser Indiskretion bemerkte die Leserin auch, dass sich mit diesem sogenannten «Schnellservice» theoretisch per SMS kleine Überweisungen vom fremden Konto aus tätigen liessen. Zwar nur 250 Franken im Monat oder 100 Franken pro Tag und EmpfängerIn, aber immerhin. Ebenfalls per SMS könnte das Onlinezahlungsmittel Paysafecard aufgeladen werden. Die Kosten würden dann direkt vom verknüpften Konto abgebucht. Kommt also ein bei der Postfinance registriertes Mobiltelefon in fremde Hände, kann diese Person einfach auf das Konto der Besitzerin zugreifen und gewisse Überweisungen tätigen.

Die Postfinance sieht darin kein gravierendes Problem. Es müssten «spezifische Gegebenheiten vorliegen und auch noch der Zufall eintreffen», schreibt sie der WOZ und schiebt den Ball den NutzerInnen des SMS-Service zu: Es sei ohnehin die ursprüngliche Besitzerin des Kontos dafür verantwortlich, bei einem Nummernwechsel die nötigen Änderungen vorzunehmen. «Im Falle eines Nummernwechsels muss der User aktiv werden.» So steht es auch in den Teilnahmebedingungen für das «digitale Leistungsangebot». Mediensprecher Rinaldo Tibolla gibt auch zu bedenken, dass das Kontoguthaben nicht überzogen werden könne und konkrete Bezugslimiten gelten. «Und Sie dürfen nicht vergessen: Der Kunde erhält so oder so noch den monatlichen Kontoauszug, um die nicht korrekt belasteten Beträge zu bestreiten.»

Der Weg zum fremden Geld ist in diesem Fall kompliziert und mit Zufällen gespickt. Doch die Geschichte veranschaulicht den Rattenschwanz, der bei vermeintlich praktischen und einfachen digitalen «Lösungen» meist dazukommt. Zudem ziehen sich die AnbieterInnen rechtlich geschickt aus der Verantwortung und übergeben diese den KundInnen. Doch je mehr digitale Abos, Dienste und Mitgliedschaften wir anhäufen, desto schwieriger wird es, dabei den Überblick zu behalten und die Verantwortung auch wahrzunehmen. 

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