Nr. 45/2020 vom 05.11.2020

Als der Frieden ausbrach

Erstaunlich ehrlich: Eine fiktive Serie des Schweizer Fernsehens SRF erzählt von jüdischen Überlebenden, von Antisemitismus und Nazigeschäften in der Schweiz 1945.

Von Stefan KellerMail an AutorIn

Endlich in der Schweiz – aber wie geht es weiter? Begrüssung der jüdischen Kinder und Jugendlichen aus dem KZ Buchenwald im Heim Felsenegg. Foto: Sava Hlavacek, SRF

Charlotte Weber war eine grosse Frau. Körperlich eher klein und fragil, kannte ich sie als mutige und geistreiche Dame, die im hohen Alter unbeirrt Zeugnis ablegte und dem selbstgefälligen Schweizer Geschichtsbild bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre eigenen Erlebnisse entgegensetzte.

Charlotte Weber starb im Jahr 2000 mit 88 Jahren. Es würde mich sehr interessieren, was sie von der neuen historischen Serie «Frieden» des Schweizer Fernsehens 2020 hielte, die zu einem wesentlichen Teil auf ihren Niederschriften beruht und die Geschichte der sogenannten Buchenwald-Kinder erzählt, die im Juni 1945 in die Schweiz einreisten: In einem Heim auf dem Zugerberg hat Charlotte Weber etwa hundert von ihnen betreut.

Es waren jüdische Jugendliche, viele kamen aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Nach Buchenwald waren sie verschleppt worden, als die sowjetische Armee sich im Januar 1945 Auschwitz genähert hatte. Am 11. April 1945 befreiten US-Truppen das KZ Buchenwald.

Prestigeaktion mit Überlebenden

Die offizielle Schweiz stand bei Kriegsende vor erheblichen Imageproblemen: offen antisemitische Flüchtlingspolitik seit 1938, geschäftliche Verflechtungen mit dem Nazireich, Kriegsgewinne von Industrie und Finanzinstituten. Europa in Schutt und Asche, nur die Schweiz davon verschont – eine Insel der Glückseligen, wie manche dachten, Kollaborateure und Profiteure des Schreckens, wie andere sagten.

Um bei den Alliierten etwas besser dazustehen und die Geschäfte der Zukunft zu retten, musste jetzt einiges passieren: 1944 wird beispielsweise die «Schweizer Spende» gegründet, ein Hilfswerk, das einen Beitrag zum europäischen Wiederaufbau leisten soll und massgeblich von der Regierung finanziert wird. Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 bietet die «Schweizer Spende» den Alliierten an, bis zu 2000 elternlose Kinder aus den Konzentrationslagern aufzunehmen, sogenannte Displaced Persons, damit diese sich in den Alpen von erlittenen Strapazen erholen und etwas schulische Bildung geniessen könnten.

Noch sitzen in Bern aber dieselben Politiker und Beamten, die während des Krieges die Grenze für Jüdinnen und Juden sperrten und selbst ganze Familien zu ihren Mördern zurücktreiben liessen. Jetzt will der Bundesrat höchstens Kinder unter zwölf Jahren einreisen lassen, dazu möchte er am liebsten Garantien, dass sie bald wieder gehen.

Im Sommer 1945 kommen schliesslich 374 jüdische Jugendliche in die Schweiz, fast alle sind älter als zwölf, denn jüngere Kinder überlebten die Lager selten. Ungefähr 200 sind jünger als siebzehn Jahre. Nach einer Quarantänezeit hinter Stacheldrahtverhauen – die nicht bloss die Jugendlichen an KZ-Zäune erinnern – und einer Selektion nach Jahrgang werden sie auf zwei Heime verteilt, eins davon ist die Felsenegg auf dem Zugerberg: der Ort, an dem die 33-jährige Lehrerin und Journalistin Charlotte Weber als Angestellte des Schweizerischen Roten Kreuzes sie erwartet.

Gut und Böse in einer Familie

Die Serie «Frieden» des Schweizer Fernsehens SRF setzt im Moment des Eintreffens der Jugendlichen – Knaben und junge Männer – aus Buchenwald ein. Charlotte Weber kommt nicht namentlich vor, ihre Figur ist aufgeteilt in jene der älteren Herbergsmutter Elsie Leutenegger und jene der jungen Lehrerin und Betreuerin Klara Tobler.

Auch andere Personen, von denen Charlotte Weber erzählt hat, tauchen verfremdet auf: der arrogante Vertreter des Schweizerischen Roten Kreuzes, der überforderte Lagerleiter, beide auf Disziplin versessen. Weitere Geschichtenstränge öffnen sich in der Serie: Sie gehen von der Tuchfabrik Frey AG aus, die mit der deutschen Niederlage ihre Kundschaft verliert und vor dem Zusammenbruch steht. Die junge Lehrerin Klara Tobler ist die Tochter des Patrons der Frey AG; ihr Bräutigam Johann Leutenegger ist der designierte Nachfolger seines baldigen Schwiegervaters und zugleich der Sohn der Herbergsmutter Elsie Leutenegger.

Wie es das Drehbuch will, arbeitet der Bruder von Johann, Egon, bei der Schweizerischen Bundesanwaltschaft, wo er gegen fliehende Kriegsverbrecher ermittelt und damit auf wenig Begeisterung bei seinen Vorgesetzten stösst. Um die Runde vollzumachen: Die Mutter von Klara, Fabrikantengattin und Schwiegermutter Johanns, ist eine vehemente Antisemitin. Sie pflegt zudem ein aussereheliches Verhältnis mit einem in der Schweiz untergeschlüpften Kriegsverbrecher, dem Egon auf der Spur ist. Und Egon selber, der Bundespolizist und Bruder des jungen Fabrikanten, wurde traumatisiert, da er als Oberleutnant im Tessin jüdische Flüchtlinge in den Tod ausschaffte: «Manche haben wir eigenhändig hinübergetragen, auch Kinder.» Verständlicherweise muss er viel saufen.

Es kommt also ordentlich etwas zusammen in dieser Konstellation. Die filmische Erfindung konzentriert die Guten und die Bösen in einer einzigen Familie. Sogar ein moderater Linker tritt auf, er ist der beste Freund des jungen Patrons und dessen Vorarbeiter. Dennoch hört man in den Dialogen kaum einen falschen oder peinlichen Ton; Möglichkeiten dazu gäbe es mit Sicherheit genug. Das Drehbuch stammt von Petra Volpe, die Filme wie «Die göttliche Ordnung» (über das Frauenstimmrecht) geschaffen hat. Es ist ein sehr schöner Text, auch sprachlich, nicht oft wird Schweizer Zeitgeschichte so ungeschminkt, so ehrlich und zugleich so fesselnd erzählt.

Nazigeschäfte und Liebesgeschichte

Um die Firma zu retten, die er nach der Heirat mit Klara übernimmt – der Schwiegervater bricht pünktlich an der Hochzeitsfeier zusammen –, will Johann Leutenegger die Produktion der Frey AG auf Kunstfasern umstellen. Er hausiert mit der Idee bei Banken, wird abgewiesen und schliesslich doch noch unterstützt: wie sich herausstellt, aus sehr düsterer Quelle. Die Arbeitsplätze scheinen gerettet, aber die dafür notwendige geschäftliche Nähe zu versprengten Nazis entfremdet Leutenegger von seiner Frau.

Um den «Buchenwald-Kindern» zu helfen, denen es bei ihren Gastgebern an allem mangelt, an Essen, Seife, Kleidern, Schulmaterial und vor allem an Respekt, organisieren Klara Leutenegger und ihre Kolleginnen eine Spendenaktion. Klara bemüht sich intensiv um die jungen, meist polnischen Juden, die nun endlich leben wollen, und emanzipiert sich dabei zusehends von den Regeln der militärisch denkenden Vorgesetzten: Dumm nur, dass sich die frisch verheiratete Fabrikantentochter mit einem zerlumpten KZ-Überlebenden auch erotisch einlässt, die persönliche Katastrophe ist absehbar.

Diese nicht sehr glaubwürdige erfundene Liebesgeschichte schadet dem Fortgang der TV-Serie aber wenig, sie löst im Gegenteil einige dramaturgische Probleme und verhindert ein braves Happy End. Kehren wir, ohne Weiteres zu verraten, nochmals zu Charlotte Weber zurück, die ich seinerzeit kennenlernte, weil ein ehemaliges «Buchenwald-Kind», ein 1945 siebzehnjähriger Überlebender, sie mir unbedingt vorstellen wollte.

Charlotte Weber ist als Betreuerin auf dem Zugerberg entlassen worden. Sie war zu freundlich und warmherzig, hörte den Jugendlichen zu, protokollierte ihre Geschichten, sammelte die vielen Zeichnungen, mit denen sie ihre KZ-Zeit zu verarbeiten suchten, trat für sie ein, wurde von ihnen als «Mutti» verehrt und wahrte insgesamt – so ein Vorwurf – die Interessen der Kinder mehr als jene des Roten Kreuzes. Nur weil Webers Teamkolleginnen kollektiv mit der eigenen Kündigung drohen und die Überlebenden ebenfalls scharf und geschickt protestieren, setzt das Schweizerische Rote Kreuz den Rausschmiss nicht durch. Bald danach wird das Lager aufgelöst. Jüdische Organisationen übernehmen die jungen Männer und bereiten sie auf die Auswanderung vor. Sie müssen das Land verlassen.

WOZ-Redaktor Stefan Keller ist Historiker und hat unter anderem die Schweizer Flüchtlingsgeschichte untersucht. Die TV-Serie «Frieden» von Michael Schaerer (Regie) und Petra Volpe (Idee und Drehbuch) wird vom 8. bis 11. November 2020 jeweils in Doppelfolgen im Schweizer Fernsehen SRF ausgestrahlt. Charlotte Weber hat ihre Erlebnisse mit jüdischen Flüchtlingen, Überlebenden und Schweizer Bürokraten in einem Buch festgehalten: Charlotte Weber, «Gegen den Strom der Finsternis», Chronos Verlag, Zürich 1994.

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