Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Der Regisseur mit der Kalaschnikow

Von Dominic Schmid

«Es könnte sein, dass die Schönheit unsere Entschlossenheit gestärkt hat.» So lautet nicht nur eine Dialogzeile in einem der letzten Filme des Drehbuchautors und Regisseurs, sondern auch der Titel einer experimentellen Dokumentation über seine Person. Seine Karriere beginnt in den 1960er Jahren, als sein Land von heftigen Demonstrationen gegen ein Militärabkommen mit den USA erschüttert wird. Als Teil einer «Pink Film» genannten Strömung innerhalb der lokalen Nouvelle Vague schreibt er für einen berüchtigten Regisseur Drehbücher, die, voller Sex, Gewalt und linksextremer Theorie, sogar dem Publikum europäischer Experimentalfilmfestivals zu heftig sind und das Duo im auf Aussenwirkung bedachten Zuhause zur «Schande der Nation» werden lassen.

Er wechselt zur Regie und dreht zwei Filme, in denen er, einer selbst entwickelten «Landschaftstheorie» folgend, zur Darstellung ungreifbarer psychosozialer Phänomene einzig Landschaften abbildet, in denen sich etwa herrschende Machtstrukturen widerspiegeln sollen. Zuerst geschieht dies auf den Spuren des realen Falls eines Serienmörders, der mit einer gestohlenen Pistole vier Menschen erschossen hatte; im nächsten Film, gar nicht bescheiden, wird bereits zur bewaffneten Weltrevolution ausgerufen. Anhand des Kampfes der marxistisch-leninistischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) folgt dieser Film noch immer der Landschaftstheorie, wobei martialische Slogans wie «Die beste Propaganda ist der bewaffnete Kampf!» den Film strukturieren.

Weil die Revolution auch nach einer mehrjährigen Vorführungstour mit einem roten Bus nicht eintritt, setzt er sich nach einem Besuch in Cannes nach Palästina ab, um den dortigen Unabhängigkeitskampf «mit Kamera und Kalaschnikow» zu unterstützen – zwei Dinge, zwischen denen er keinen grossen Unterschied ausmachen will. Dreissig Jahre bleibt er im Nahen Osten und in Afrika. Fast alles Filmmaterial aus dieser Zeit fällt in Beirut einem Bombenangriff zum Opfer. Schliesslich kehrt er 2001 in die Heimat zurück, wo er wegen Passvergehen vier Jahre ins Gefängnis muss. Seither darf er den Inselstaat nicht mehr verlassen, dreht aber weiterhin Filme und zieht eine kleine Tochter auf.

Wie heisst der Filmemacher, der wie kein anderer den Zusammenhang und die Widersprüche zwischen Kunst und revolutionärer Politik nicht nur untersucht, sondern tatsächlich gelebt hat?

Wir fragten nach dem japanischen Drehbuchautor und Regisseur Masao Adachi. Mit dem extrem schnell und billig drehenden Skandalregisseur Koji Wakamatsu drehte er Filme mit malerischen Titeln wie «Go, Go, Second Time Virgin« (1969), schrieb aber auch mehrere Drehbücher für Nagisa Oshima. Mit «A.K.A. Serial Killer» (1969) und «Red Army / PFLP: Declaration of World War» (1971) versuchte er nicht nur, seine politische «Landschaftstheorie» filmisch umzusetzen, sondern auch die Revolution anzuzetteln. Über seine Zeit im Nahen Osten, in der er auch mit Vertretern der terroristischen Japanese Red Army verkehrte, drehte Eric Baudelaire «L’anabase de May et Fusako Shigenobu, Masao Adachi et 27 années sans images» (2011); über Adachi als Vertreter eines Kinos, das wie sein eigenes das Credo einer gegenständlich-realistischen Darstellung hinter sich lässt, gibt es Philippe Grandrieux’ faszinierendes Porträt «Il se peut que la beauté ait renforcé notre résolution» (2011).

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