Nr. 51/2020 vom 17.12.2020

Von Jürg Fischer und Karin HoffstenMail an Autor:in

Neutralitätspolitische

«Ein Geschlechtsunterschied bemerke ich dabei allerdings nicht: Frauen und Männer äussern in meiner Beratung ungefähr zu gleichen Teilen, dass sie einfach keine Lust auf Sex mehr haben.» So zitiert «20 Minuten» einen Paartherapeuten. Vielleicht ist es hilfreich, hier ein bisschen zu differenzieren. Lustlosigkeit kann die Folge aller möglichen Hemmnisse, Beschwernisse oder Fährnisse sein; das Geschlechtsunterschied ist eine mögliche Folge der Auflösung von Geschlechtergrenzen.
Jürg Fischer

Zusammengekehrte

«GFL und EVP bilden weiterhin ein Fraktion», meldete derweil der «Bund». Auch hier: Die Fraktion ist von der Wortherkunft her eh ein Bruchstück, also was soll da die kleinliches Beharren auf Grammatik?
Jürg Fischer

Sportsfreundliche

Frisch und fröhlich kam jüngst der Ticker der Sportabteilung von srf.ch daher: «Hallo und herzlich willkommen zu den Achtelfinal-Auslosung im Europacup. In Nyon werden am Montag die K.o.-Phasen beider europäischer Wettbewerbe bestummen.» Wir freuen uns mit, denn das Beispiel zeigt, dass nicht immer die Autokorrektur das geschriebene Wort bestimmt, sondern auch einmal ein durchgehendes Dialektpferd.
Jürg Fischer

Umgedrehte

In der letzten WOZ legten wir einer Erziehungswissenschaftlerin in den Mund, unsere Gesellschaft habe «ein Legitimitätsproblem, denn wir können nicht begründen, warum innerhalb eines Eltern-Kind-Verhältnisses die Selbstbestimmung der Eltern höher zu gewichten sei als das Grundrecht der Kinder auf den Schutz vor Unversehrtheit». Nun, ganz so schlimm wars dann doch nicht, dass ein Grundrecht unsere Kinder «vor Unversehrtheit» geschützt hätte, auch wenn sich manche Eltern so benehmen. Wir bitten um Entschuldigung und freuen uns umso mehr, dass sich der Nationalrat endlich dazu durchringen konnte, der legitimierten Ohrfeige den Kampf anzusagen.
Karin Hoffsten

Doppelessige

«Im öffentlichen Verkehr wird der Maskenlose vor Bussen gewarnt», hiess es im «St. Galler Tagblatt», was zumindest teutonisch geprägte LeserInnen verwundert haben dürfte, scheinen diesen doch S-Bahnen und Züge mindestens genauso gefährlich.
Karin Hoffsten

Sadistische

Noch erstaunlicher ist jedoch, was derselbe Artikel festhält: Das Epidemiengesetz mit flächendeckender Maskentragpflicht sei «rechtskräftig. Und seine Durchsetzung wird geahndet.» Als wären die armen BeamtInnen nicht schon gestraft genug.
Karin Hoffsten

Rutschige

«Dieser Weg wird bei Eis- und Schneeglätte NICHT geräumt und gestreut!», heisst es auf einem Schild in der Bodenseegegend, was Leser A. zur Frage veranlasste, ob ein Weg denn gestreut werden könne. Eigentlich nicht, denn sprachlich sind Wege meist bestreut. Aber uns ist noch keine Gemeinde begegnet, die das so ausgedrückt hätte. Doch Hilfe naht im Newsletter eines sympathischen Appenzeller Hotels, das uns auffordert: «Einfach einmal Weg und die Sorgen vergessen.» Kein Problem: Bald dürfen wir ja sowieso nicht mehr raus. 
Karin Hoffsten

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