Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Leben am Limit

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Jetzt komme «das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben», sagte kürzlich der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Als man sich fragte, ob der Mann noch alle Nadeln an der Tanne habe, krebste er zurück: Natürlich sei es auf Lesbos und in Afrika in Elendsvierteln schlimmer.

Aber das ist halt Deutschland, und die haben ja so einen furchtbaren Lockdown. Hier in der Schweiz finden die meisten PolitikerInnen ganz andere Sachen schlimm. Wenn man nicht Ski fahren oder in die Beiz gehen darf zum Beispiel. Und keine Gschänkli poschten. Das ist Schweizer Leben am Limit.

Nun zweifle ich ja schon lange am Verstand bestimmter Lobby- und ParteienvertreterInnen, aber in letzter Zeit grassiert der Schwachsinn in einem Masse, dass mir bang wird, und der geistige Abbau, der inzwischen weit über die SVP hinaus stattfindet, erregt kaum Besorgnis.

Nehmen wir nur mal Hans Wicki, FDP-Ständerat von Nidwalden und Präsident des Vereins Seilbahnen Schweiz. Der forderte angesichts steigender Aussentemperaturen schon vor über einem Jahr die staatliche Finanzierung von Schneekanonen. Jetzt setzt er sich für entgrenztes Skifahren ein und findet: «Wir müssen uns an die hohen Fallzahlen gewöhnen und lernen, damit zu leben.» Bloss heisst, damit leben zu lernen, blöderweise für viele, damit zu sterben.

Ein paar Menschen stört das. Die anderen schrecken hin und wieder auf, wenn ein Intensivmediziner im Fernsehen erzählt, wie es auf seiner Station aussieht. Doch das entschwindet dem kollektiven Bewusstsein ebenso schnell wie die Tatsache, dass das «neue» Lager auf Lesbos überschwemmt ist und nachts Kinder von Ratten gebissen werden.

Zu Weihnachten wünsche ich Ihnen und mir dennoch friedliche Festtage! Und dass uns diese schrecklichen Figuren nach den nächsten Wahlen erspart bleiben mögen.

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