Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Der frühreife Rhetoriker

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Als Knabe litt der von uns Gesuchte vermutlich unter einer nicht diagnostizierten Hochbegabung. Jedenfalls fiel er schon in der Schule damit auf, seinen Lehrern die Welt erklären zu wollen – Frauen studierten zu seiner Zeit selten –, was diese ziemlich nervte. Nicht nur in der Schule, sondern auch in der Synagoge sorgte der Junge für solche Szenen. Er entstammte einer gläubigen jüdischen Handwerkerfamilie; häufig musste ihn seine Mutter suchen, wenn er nicht zum Essen kam, weil er sich wieder mal stundenlang mit Lehrern oder dem Rabbi gestritten hatte.

Nachdem er seine Eltern auf eine Pilgerreise in die Grossstadt begleitet hatte, merkten diese im Rückreisegetümmel zuerst gar nicht, dass er fehlte, sie hatten ihn bei Bekannten vermutet. Als die Eltern, völlig aufgelöst vor Angst, ihn nach drei Tagen fanden, sagte er, sie hätten sich keine Sorgen machen müssen, schliesslich sei er schon zwölf und in der Synagoge gut aufgehoben gewesen. Er war der älteste von vier Brüdern, und es gab Gerüchte, eigentlich sei er unehelich. Als Jugendlicher löste er sich mehr und mehr von der Familie und setzte nun auf eigene Faust fort, womit er in Schule und Synagoge begonnen hatte: Mit einer verschworenen Clique junger Männer, denen sich bald auch weibliche Groupies anschlossen, zog er durchs Land und schwang öffentlich Reden, die bei seinen ZuhörerInnen gut ankamen.

Die Heimat des Gesuchten war besetztes Gebiet, und die Tatsache, dass ihm eine wachsende Zahl von AnhängerInnen folgte, wurde von den örtlichen Behörden mit steigendem Misstrauen beobachtet. Man befürchtete, er wolle zu Aufständen aufrufen, obwohl er in allen Reden betonte, er sei Pazifist. Als dann Gerüchte aufkamen, er könne sogar Wunder vollbringen, was er selbst nicht in Abrede stellte, wurde es der Obrigkeit endgültig unheimlich.

Möglicherweise konsumierte er – wie viele in seinem Alter – psychogene Drogen, was ja zu solchen Phänomenen führen kann. Wie in autoritären Systemen üblich, wurde er schliesslich verhaftet; den Tipp zu seinem Aufenthaltsort soll einer seiner engsten Freunde gegen Bezahlung geliefert haben. In einer Farce von Gerichtsverhandlung wurde er zum Tod verurteilt und anschliessend hingerichtet.

Wer war der junge Mann, von dem manche behaupten, er sei fast so bekannt wie die Beatles?

Wir fragten nach Jesus von Nazareth, der als Jesus Christus zum Stifter der christlichen Weltreligion wurde. Sein Leben als jüdischer Wanderprediger wurde – allerdings erst Jahrzehnte nach seinem Tod und voneinander abweichend – durch die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes im Neuen Testament der Bibel beschrieben; historisch gesicherte Fakten zu dieser Figur konnten durch die Forschung bis heute nicht wirklich geklärt werden. In Palästina, das unter römischer Herrschaft stand, waren zur angenommenen Lebenszeit Jesu viele Wanderprediger unterwegs. An Weihnachten wird seit vielen Jahrhunderten weltweit die Geburt von Jesus Christus gefeiert, wobei sich das Datum ursprünglich an heidnische Sonnenwendfeiern anlehnt. – Von John Lennon ist überliefert, dass er 1966 sagte, die Beatles seien populärer als Jesus.

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