Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Wer zerstört hier wen?

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in

Phil Spector war einer der erfolgreichsten Musikproduzenten des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber dürfte der nun verstorbene US-Amerikaner ein klassisches Beispiel dafür gewesen sein, was heute als toxischer Mann gilt.

Wie seine Exfrau Ronnie berichtet, war die Ehe mit Spector ein Martyrium: Der Produzent liess sein Anwesen mit Stacheldraht abriegeln und schaffte Wachhunde an, um sicherzugehen, dass seine Frau nicht davonlief. Wenn Ronnie Spector mal allein rausdurfte, musste sie auf dem Beifahrersitz eine Puppe, die ihrem Mann nachgebildet war, mitnehmen: Niemand sollte glauben, sie sei allein unterwegs. Auch beruflich neigte Spector zum Psychoterror: Der Produzent soll immer wieder bewaffnet ins Studio gekommen sein und MusikerInnen mit der Pistole bedroht haben.

2003 erschoss Spector die Schauspielerin Lana Clarkson und wurde dafür zu neunzehn Jahren Haft verurteilt. Auf den Tamedia-Portalen erschien ein Nachruf, der so angerissen wurde: Spector habe «fast alles erschaffen, was gut und heilig ist in der Popmusik – und dann sein Lebenswerk zerstört». Wohlwollender lässt sich kaum umschreiben, dass es hier um einen narzisstischen Mörder geht, der vor allem ein anderes Leben zerstört hat.

Gewalttätige kreative Männer werden offenkundig nach wie vor mit Samthandschuhen angepackt. Hartnäckig hält sich der Mythos vom «Genie», das über den Dingen schwebt und deswegen Nachsicht verdient. Dabei handelt es sich um eine urbürgerliche Vorstellung, die alles ausblendet, was künstlerisches Schaffen überhaupt erst möglich macht: ein unterstützendes Umfeld etwa, eine gute Ausbildung und natürlich das fleissige Fussvolk, das immer parat steht. Anlässlich des Falls Spector plädierte Laura Snapes im «Guardian» für einen «kollektivistischeren Blick» auf die Kunstproduktion: So würde nicht länger der Kult um Einzelne über das Wohlergehen aller Beteiligten gestellt. Grausige Beispiele für das Zusammenspiel von «Genie und Wahnsinn» gabs schliesslich schon mehr als genug.

Bloss zwei Prozent der Pop-Hits in den USA zwischen 2012 und 2018 wurden von Frauen produziert. Mehr Diversity könnte sicher Wunder wirken.

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