Nr. 04/2021 vom 28.01.2021

Plaudern nur auf Einladung

Von Donat Kaufmann

Bei eBay werden die Einladungslinks zu Fantasiepreisen verhökert, bei Twitter in kulturelles Kapital umgemünzt – und wir von den Medien schreiben uns die Finger wund: Alleine bei der Schweizer Mediendatenbank wurden in den letzten Wochen mindestens 160 Beiträge zu «Clubhouse» registriert. Der mittels künstlicher Verknappung befeuerte Hype um die neue Social-Media-App entfaltet im deutschsprachigen Raum gerade seine volle Wirkung.

Clubhouse ist der jüngste Wurf zweier weisser Tech-Dudes aus dem Silicon Valley, Modell Mark Zuckerberg. Gleich vielen Apps zuvor garantiert Clubhouse ein Datenschutzfiasko und ist zumindest für den Moment eine exklusive Angelegenheit: Beitreten und mitreden kann nur, wer eine persönliche Einladung erhält und ein iPhone besitzt. Im Gegensatz zu Twitter und Konsorten ist Clubhouse audiobasiert. Hier gibt es keine Foto- oder Textbeiträge, sondern «Räume», in denen NutzerInnen spontan miteinander diskutieren können.

Schaut man sich dieser Tage in einigen Räumen um, wähnt man sich in einem virtuellen Anwesen, das bisher leer stand und nun plötzlich bevölkert wird. In der einen Ecke diskutieren sie darüber, wie man diese Räume und überhaupt alles zu Geld machen kann, in einer anderen werden politische Begegnungszonen geschaffen, im nächsten Raum experimentieren sie mit Kunstinstallationen. Was uns alle zu verbinden scheint, ist die Faszination für Neues – und das Verlangen nach Gemeinschaft: «Clubhouse ist ein Sehnsuchtsmedium in Zeiten der Pandemie», schreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Diese Sehnsucht treibt auch wunderliche Blüten: In einem Raum spielen sich MusikerInnen gegenseitig Songs auf der Gitarre vor, es scherbelt gewaltig, in einem anderen Raum werden keine Gespräche geführt, sondern Bürogeräusche simuliert. In einem dritten («Joggingrunde») keuchen sich TeilnehmerInnen gegenseitig an. Pörksen dürfte nicht ganz falsch liegen, wenn er der App höchstens einen temporären Erfolg einräumt. Wer wird noch am «Kaffeepausentalk» teilnehmen, wenn das Homeoffice nicht mehr Pflicht ist?

Von einer aufreibenden Diskussion ganz erschöpft? Der «silent meditation room» verspricht Erholung.

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