Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Spears im Streik

Von David Hunziker

Es ist wieder mal richtig heuchlerisch, wie das Netz plötzlich voller Entschuldigungen ist: «We Are Sorry, Britney.» Wir Millennium-Teenies haben den Glanzmagazinen und Promisendungen damals ja geglaubt, als sie den Absturz von Britney Spears, dem grössten Popstar unserer Jugend, vergöttert von den Mädchen – von den Buben heimlich –, in Szene setzten, und wir haben ihn konsumiert wie eine Linie Koks vom WC-Rand: Meltdown!

Und jetzt tut es uns leid, wie «die Gesellschaft» damals mit ihr umgegangen ist, dass ihre Tragödie für uns nur Unterhaltung war. Unter den Reuigen ist auch Justin Timberlake: ihr Ex, der nach der Trennung die sexistische Schmutzkampagne gegen sie anheizte und als armer, heartbroken Boy einen Karriereschub erlebte, während sie von da an den moralischen Zweihänder zu spüren bekam. Jetzt tuts ihm leid – okay.

Anlass zu all dem schlechten Gewissen gibt ein nicht überragender, aber clever angelegter neuer Dokfilm der «New York Times»: «Framing Britney Spears». Es geht darin nicht nur darum, wie Spears jahrelang von Paparazzi gejagt wurde, die Millionenprämien für ihre Fotos erhielten, sondern auch um eine gnadenlose sexistische Falle: Zuerst steckte man Spears in dieses borderline-pädophile Schulmädchenkostüm («Baby One More Time»), reduzierte sie ständig auf ihre Sexualität, dann verleumdete man sie als Schlampe und Rabenmutter und erklärte sie für wahnsinnig. Profitiert hat davon auch ihr Vater, ein evangelikaler Alkoholiker, der seit zwölf Jahren als Vormund alle wichtigen Entscheidungen für sie fällt – er machte aus Spears das, was als Fantasie schon in einem ihrer Songs steckte: «I’m a Slave 4 U».

Britney Spears stand zwei Jahre nicht mehr auf einer Bühne, es heisst, sie streike und wolle sich vom Vater befreien. Wir hoffen auf eine weitere Revolte, wie damals, als sie sich die Haare schor und das für sie designte Popstarbild zerstörte: #FreeBritney.

Auf ihrem faszinierenden Instagram-Kanal kann man beobachten, wie Spears mit minimalen Mitteln ihren Freiheitskampf führt.

Nachtrag vom 7. Oktober 2021

Kleiner grosser Aufstand: Britney Spears ist frei

«Project Rose» hat gesiegt: Britney Spears hat sich nach dreizehn Jahren aus dem Vormundschaftsregime ihres Vaters Jamie befreit. Fans hatten die unzähligen Rosen-Emojis und Verweise auf die Farbe Rot, die sich in den vergangenen Jahren durch die Instagram-Posts des Popstars zogen und vorgeblich mit einem Fotoprojekt zu tun hatten, immer als Symbole des Widerstands gedeutet. «Project Rose» könnte eine Referenz auf eine gleichnamige Aktion der US-Stadt Phoenix sein: Dort waren vor zehn Jahren Sexarbeiterinnen verhaftet und in Kirchen festgehalten worden, weil man sie gegen ihren Willen läutern wollte.

Zerstörerische christliche Moral, die sich mithilfe der Staatsgewalt Bahn bricht – die Ähnlichkeiten zum Schicksal von Britney Spears sind frappant. Auch sie war Platzhalterin in dem Kampf, den ihr trunksüchtiger Vater nicht zuletzt gegen sich selbst führt: strammes Christentum, traumatische Kindheit unter autoritärem Vater, Drogenprobleme.

Tatsächlich war Britney Spears schon lange im Widerstand. 2014 forderte sie die Absetzung ihres Vaters als Vormund, 2016 bezeichnete sie die Vormundschaft als «unterdrückerisches und kontrollierendes Instrument» gegen sie. Auf der anderen Seite wird seit der freudigen Botschaft der Befreiung auch das Ausmass der Unterdrückung immer klarer. Spears wurde ständig überwacht, musste krank auftreten und sich mehrmals pro Woche Drogentests unterziehen, als Strafe für ihre Aufmüpfigkeit wurde sie einmal gar in die Psychiatrie eingeliefert.

Auf Instagram schwebt Britney Spears jetzt auf Wolke sieben, einmal ganz wörtlich in einem Flugzeugcockpit, beim Nacktbaden am Pazifikstrand, mit ihrem Verlobten im Fitnessstudio. Anfang Woche bedankte sie sich bei der #FreeBritney-Bewegung für ihre Befreiung: «Letzte Nacht habe ich zwei Stunden geweint, weil meine Fans die Besten sind!!!!!» Wir durften dabei sein bei diesem kleinen grossen Aufstand – so schön kann es sein, einen Popstar zu haben.

David Hunziker

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