Nr. 12/2021 vom 25.03.2021

Die vergessene Malerin

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Rebellisch ist da auf den ersten Blick nichts. Die Bilder sind realistisch, ganz nach Stil und Mode ihrer Zeit gemalt: Stillleben, Landschaften, Porträts. Von der konservativen Kunstkritik wurde die Gesuchte zeitlebens geschätzt: Man lobte ihre Präzision, nichts sei «bloss angedeutet, nichts auf den bloss pikanten Eindruck hin gearbeitet», heisst es etwa.

Gerade mal 22 ist sie, als sie 1881 erstmals in der NZZ erwähnt wird. Der Journalist beginnt sorgenvoll: «Kunst und Künstler haben in der Schweiz immer noch keine Heimat gefunden. Es gibt bei uns gute Maler, die, ich übertreibe nicht, übler daran sind als der erste beste Schuhmacher oder Bürstenbinder.» Einen schlimmen Stand hätten auch die «Portraitisten»: «Wunderselten» nur lasse «sich in unseren Schweizerstädten Jemand malen», und wenn doch, würden die Preise «unmässig herabgedrückt». Eine dieser Malerinnen ist die Gesuchte: Die NZZ erwähnt wohlwollend ihr Porträt von «Landammann Sturzenegger».

Die Kaufmannstochter aus Zürich war früh angefixt von der Kunst. Ihre Mutter wollte davon nichts wissen, legte ihr Steine in den Weg. Die Tochter zahlte es ihr heim, indem sie es schaffte, ihren Lebensunterhalt mit Malerei zu bestreiten, den widrigen wirtschaftlichen Umständen zum Trotz. Dank der Hilfe ihres Vaters genoss sie eine solide Ausbildung in Zürich, in einem «Damenatelier» in Berlin und in Paris. Vor allem aber entwickelte sie ein feines Gespür für den Geschmack der Zeit, was ihr eine für Frauen damals ganz und gar nicht selbstverständliche finanzielle Unabhängigkeit und internationale Karriere ermöglichte.

Künstlerisch bestechen ihre unzähligen Selbstporträts und die radikal uneitle Sachlichkeit, mit der sie sich und ihr Älterwerden darin offenbart. Auf uns Heutige schaut sie mit unvergesslich durchdringendem Blick, in den sie alles hineingelegt hat, was sie in ihren Bildern aus pragmatischen Gründen aussen vor lassen musste.

In ihrer Wahlheimat Frankfurt am Main richtete sie 1908 eine Ausstellung mit Schweizer Künstlern aus, Ferdinand Hodler war auch dabei. Die NZZ berichtet beeindruckt, «das Fräulein» habe zum Anlass auch ein Bankett für alle «aus eigener Tasche» gegeben. Wer ist die Gesuchte, die seit 1891 offen mit der ersten deutschen Chirurgin in einer Liebesbeziehung lebte und gemeinsam mit ihr in einem Ehrengrab in Hofheim am Taunus, ihrem letzten Wohnort, begraben liegt?

Wir suchten nach der Schweizer Malerin Ottilie W. Roederstein (1859–1937). Zusammen mit ihrer Partnerin Elisabeth Winterhalter, der ersten Chirurgin Deutschlands, engagierte sie sich für Frauenrechte und insbesondere für die Ausbildung junger Frauen. Die beiden lebten mehr als drei Jahrzehnte lang offen als lesbisches Paar und waren angesehene Mitglieder der Frankfurter Gesellschaft. Während die unermüdliche Roederstein («Mein ganzes Interesse war Arbeit und Arbeit. Ihr widmete ich mein ganzes Sein») zu Lebzeiten international sehr erfolgreich war und auch viel ausgestellt wurde, geriet sie nach ihrem Tod rasch in Vergessenheit. Jetzt ist die Malerin noch bis zum 5. April in einer umfassenden Werkschau im Kunsthaus Zürich neu zu entdecken. Der Katalog zur Ausstellung ist bei Hatje Cantz erschienen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch