Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Zurück aufs Meer

Selbst unbegleitete Minderjährige müssen in der Pandemie Wochen vor Italiens Küsten auf Quarantäneschiffen verbringen. Was als Notfallmassnahme begann, könnte zur fixen Einrichtung werden.

Von Romina Spina, Lecce

Sie haben die Isolation durchgestanden: Migranten gehen im sizilianischen Pozzallo an Land. Foto: Francesco Ruta, Getty

Wenn Geflüchtete Italien übers Mittelmeer erreichen oder aus Seenot gerettet werden, müssen sie meist zurück aufs Wasser: Mehrere Tausend Menschen wurden seit vergangenem Mai auf sogenannte Quarantäneschiffe vor den Küsten Süditaliens verlegt – ungeachtet dessen, ob sie bei der Ankunft positiv oder negativ auf das Coronavirus getestet wurden.

Normalerweise bleiben negativ getestete Flüchtlinge zwei Wochen auf einem Quarantäneschiff. Laut NGOs, die mit ihnen in Kontakt sind, müssen sie manchmal auch länger bleiben. An Bord sind die Flüchtlinge voneinander isoliert, was erklärt, wieso es bisher keine Berichte über grössere Ansteckungsketten auf den Schiffen gegeben hat.

Die Massnahme hatte der italienische Zivilschutz im April 2020 im Rahmen einer Notlösung angesichts des kollabierenden Gesundheitssystems angeordnet. Für Flüchtlinge war eine Quarantäne in «geeigneten Strukturen» vorgesehen, bei Platzmangel sollten auch Passagierfähren eingesetzt werden. Knapp ein Jahr später hat sich das Modell Quarantäneschiffe etabliert, doch die Kritik daran reisst nicht ab.

Offizielle Angaben über die Situation an Bord sind spärlich: Auf jeweils vier bis sechs Quarantäneschiffen, die vor den Küsten Siziliens und vor Lampedusa liegen, stellten Teams vom italienischen Roten Kreuz (CRI) rund um die Uhr die medizinische Überwachung und die Versorgung der MigrantInnen sicher. Im Einsatz seien auch freiwillige Übersetzer und Mediatorinnen.

Lokale NGOs und AnwältInnen kritisierten, dass die Gesundheitsversorgung nicht ausreichend sei. Trotz Bemühungen des CRI kämen vor allem verletzliche Personen zu kurz. Schutzsuchende wie beispielsweise schwangere Frauen müssten in adäquaten Einrichtungen an Land betreut werden. Schwierig sei es ausserdem, auf einem Schiff Opfer von Gewalt, Folter oder Menschenhandel rasch zu identifizieren und zu betreuen. Psychisch vorbelastete Personen liefen zudem Gefahr, nach der riskanten Überfahrt ein weiteres Trauma zu erleiden, wenn sie ohne Informationen auf Schiffe gebracht würden.

Selbstverletzungen und Todesfälle

Laut Medienberichten kam es letztes Jahr zu Selbstverletzungen an Bord. Einige Flüchtlinge schluckten Glasscherben und Rasierklingen. Ein junger Tunesier, Bilal Ben Messaud, stürzte sich ins Wasser und ertrank beim Versuch, das Ufer zu erreichen. Auch zwei unbegleitete Minderjährige, die auf Quarantäneschiffe mussten, sind ums Leben gekommen. Sie hätten eigentlich gar nicht an Bord sein sollen, da für Jugendliche ohne Familie strenge Schutzmassnahmen vorgesehen wären. Von den fast 4700 Minderjährigen, die 2020 unbegleitet in Italien landeten, kamen laut dem CRI dennoch über 1200 auf ein Quarantäneschiff.

Zum Tod der beiden Jugendlichen ermittelt die Staatsanwaltschaft in zwei sizilianischen Städten. Der erste Junge, Abdallah Said, litt an Tuberkulose und hatte zwei Jahre in einem libyschen Gefängnis verbracht. Sein Coronatest vor der Schiffsquarantäne war negativ ausgefallen, doch war er geschwächt. Er musste gegen Ende der Isolierung evakuiert werden. «Er war nur noch Haut und Knochen», erinnert sich Antonia Borrello, die verspätet zum Vormund des siebzehnjährigen Somaliers ernannt worden war. Abdallah Said lag im Koma, als sie ihn im Spital aufsuchte. Er starb an tuberkulöser Meningitis.

Zwei Wochen später musste der zweite Junge, Abou Diakite, von einem anderen Schiff notfallmässig ins Spital transportiert werden, wo er verstarb. Abou Diakite kam aus Côte d’Ivoire, und auch er hatte in Libyen Monate hinter Gittern verbracht. Er wurde fünfzehn Jahre alt.

Das Innenministerium versicherte daraufhin, dass keine unbegleiteten Kinder mehr an Bord geschickt würden. Dennoch hat die italienische NGO für rechtswissenschaftliche Studien zur Immigration (ASGI) berichtet, dass Ende Februar unbegleitete Minderjährige auf einem Schiff gewesen seien.

Lokale NGOs haben mit Dutzenden von MigrantInnen sowohl während als auch nach der Quarantäne über die Konditionen an Bord der Schiffe gesprochen. Nicht nur der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist für viele MigrantInnen erschwert, auch jener zur Rechtshilfe scheint eingeschränkt. Flüchtlinge hätten kaum Möglichkeiten, sich über ihre Rechte zu informieren oder zum Asylverfahren beraten zu werden. Neuerdings soll allerdings jeweils eine Ansprechperson für rechtliche Fragen an Bord sein.

Eine Million pro Schiff und Monat

Laut einer Koalition von 150 NGOs, die im Dezember in einem Appell die Abschaffung der Quarantäneschiffe forderte, ergibt die Massnahme auch aus wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn. Es koste die Regierung viel mehr, diese Schiffe zu mieten und zu unterhalten, als in bestehende Strukturen oder in alternative Unterkünfte an Land zu investieren. Nach Schätzungen der NGOs kostet ein einzelnes Schiff den Staat jeden Monat eine Million Euro.

Seit Jahresbeginn sind über 8000 Bootsflüchtlinge in Italien gelandet, mehr als doppelt so viele wie in der Vorjahresperiode. Die wärmeren Temperaturen dürften die Zahl Schutzsuchender weiter steigen lassen. Und es wird befürchtet, die Quarantäneschiffe könnten lange nach dem gesundheitlichen Notstand im Einsatz bleiben – als «normale» Aufnahmelager.

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