Nr. 48/2021 vom 02.12.2021

Von Izmir einfach immer geradeaus

Begleitet von ukrainischen Skippern, kommen in den letzten Monaten vermehrt Geflüchtete per Segelboot im Süden Italiens an. Ein Augenschein in einer Kleinstadt an der Küste.

Von Annalisa Camilli (Text) und Fabio Itri (Foto), Roccella Ionica

Von der eleganten Segeljacht bis zum rostigen Seelenverkäufer: In einer Ecke des Touristenhafens Porto delle Grazie liegen die konfiszierten Boote der Schlepper auf dem Trockenen.

Eigentlich wollte Andrij Petrenko als Skipper im Mittelmeer arbeiten und mit Tourist:innen die türkische Küste entlangschippern. Stattdessen wurde er in Italien festgenommen und verbrachte zwei Jahre und vier Monate im Gefängnis. Der 49-Jährige, der seinen richtigen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, stammt aus der ukrainischen Industriestadt Dnipro. Laut der EU-Grenzschutzagentur Frontex ist er einer von 438 Ukrainern, die seit 2014 in Griechenland und Italien wegen «Menschenschmuggel» festgenommen wurden. Er sei unwissentlich in einem Netzwerk gelandet, das Menschen von der Türkei nach Italien schleuse, sagt Petrenko bei einem Treffen in Palermo Anfang November. «Ich verliess mein Land 2014, nachdem mich die ukrainische Regierung zweimal aufgefordert hatte, an die Front zu gehen, um gegen Russland zu kämpfen. Ich wollte aber nicht im Krieg sterben.»

Damals arbeitet Petrenko als Fotograf und Skipper auf der Krim. Als die von Russland annektiert wird, entschliesst er sich gemeinsam mit einem Freund, der ein Segelboot besitzt, zu einer Reise von Sewastopol in Richtung Türkei. Dort angekommen, seien sie auf der Suche nach Arbeit von drei Ukrainern und zwei Türken kontaktiert worden. «Sie boten uns einen Job an: kleine Bootsfahrten für Touristen im Mittelmeer.» Erst später wird Petrenko klar, dass es bei dem Job nicht darum geht, Urlauber:innen übers Wasser zu chauffieren – sondern darum, Geflüchtete nach Italien zu schleusen.

Ein lukratives Geschäft

«Sie versprachen uns 500 Euro pro Person und versicherten uns, dass wir höchstens einen Landesverweis riskierten, wenn man uns erwische», sagt Petrenko. Also bringen der ukrainische Segler und sein Freund, der Kapitän und Eigentümer des zehn Meter langen Segelboots, 24 Menschen aus Syrien und Afghanistan von der westtürkischen Region Cesme in der Nähe von Izmir über die Ägäis in die süditalienische Provinz Reggio Calabria. Nach der Ankunft werden die beiden allerdings verhaftet und wegen «Beihilfe zur illegalen Einwanderung» angeklagt. Eine Straftat, die mit bis zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe von 15 000 Euro geahndet wird.

«Es war ein Albtraum. Wir landeten im Gefängnis, verstanden die Sprache nicht und wussten nicht einmal, was genau man uns vorwarf. Auch das versprochene Geld haben wir nie erhalten», erzählt Petrenko, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach Palermo gezogen ist, wo er in der Sommersaison als Rezeptionist und Skipper arbeitet. Vor seiner Verurteilung war dem ukrainischen Segler das lukrative Geschäft des Menschenschmuggels fremd. Ein Geschäft, das in den letzten Jahren Tausende Geflüchtete an Bord von Segelbooten oder Jachten an die griechischen und italienischen Küsten gebracht hat.

Das Schleppernetzwerk wird von Leuten aus der Ukraine und der Türkei betrieben. Sie locken ukrainische Seeleute – oft mit falschen Versprechen – an, damit sie dann die Segelboote steuern: Diese sind sicherer als Schlauchboote und unauffälliger als Fischerboote – und erreichen meist ohne Probleme ihr Ziel. Doch obwohl inzwischen Hunderte Schleuser:innen in der Türkei, in Griechenland und Italien festgenommen wurden, haben die europäischen Behörden die Drahtzieher:innen nicht identifizieren können.

«In diesem Jahr haben wir in mehr als hundert Einsätzen im Ionischen Meer über 6600 Menschen gerettet», bestätigt der Sprecher der italienischen Küstenwache, Cosimo Nicastro. «Aus der Türkei kommen in Segelbooten meist afghanische, irakische und iranische Staatsangehörige, die Fischerboote hingegen kommen in der Regel aus Ostlibyen und haben ägyptische Geflüchtete an Bord.» Nach Angaben des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) sind 2021 bisher rund 60 000 Geflüchtete in Italien eingetroffen. Davon reisten bloss fünfzehn Prozent über die «türkische Route» – die Tendenz allerdings ist steigend. «Zwischen August und Oktober erhöhte sich die Zahl der Geflüchteten, die Italien auf diesem Weg erreichten, um bis zu dreissig Prozent: möglicherweise ein neuer Aufwärtstrend», teilte das UNHCR mit.

Eine uralte Route

Vittorio Zito ist Bürgermeister von Roccella Ionica, einer kalabrischen Küstenstadt mit 6500 Einwohner:innen. Im Verlauf dieses Jahres habe sich die Zahl der Bootslandungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifacht, sagt er: Waren es 2019 noch 470 Personen, kamen letztes Jahr schon 1080, und 2021 trafen 3500 Geflüchtete in Roccella ein.

In einer Ecke des Touristenhafens Porto delle Grazie sind alle Segel- und Fischerboote und sogar ein Schlepperkahn zu sehen, die in den letzten Monaten von den Behörden beschlagnahmt wurden. «Erzurum» prangt in schwarzen Lettern auf dem roten Kahn: der Name einer türkischen Kleinstadt. Im Laderaum der Boote und auf Deck liegen Überbleibsel der Überfahrt: Rettungswesten und Essensreste, Snacks, Wasserflaschen, Kleidungsstücke und Decken. «Im Sommer bleiben die Boote der ukrainischen Segler oft unbemerkt, da sie den Dutzenden anderen Schiffen ähneln, die an unseren Küsten vor Anker liegen. So erreichen sie mit den im Laderaum versteckten Leuten unauffällig ihr Ziel», sagt der Bürgermeister.

Die Route zwischen der Türkei und Kalabrien sei eigentlich uralt. «Ein Sprichwort besagt: Wer von Izmir immer geradeaus fährt, wird irgendwann in Roccella Ionica landen. Bis heute nennen wir die Geflüchteten, die bei uns eintreffen, Kurden – denn sie waren die Ersten, die in den neunziger Jahren auf der Flucht vor politischer Verfolgung hier ankamen», erinnert sich Vittorio Zito.

Für den Kalabrier besteht das Problem allerdings nicht darin, dass immer mehr Menschen Italiens Küste erreichen, sondern vielmehr im Abbau des Rettungs- und Erstaufnahmesystems. Zwischen 2013 und 2017, erzählt er, hätten die Finanzpolizei und die Küstenwache Menschen entlang der Küste gerettet. Sie brachten die Geflüchteten erst auf grössere Rettungsschiffe und dann – in Absprache mit dem Innenministerium – in die Häfen, die für die Aufnahme der Leute ausgerüstet waren. «Seit die Diskussion über Einwanderung in Italien ideologisch aufgeladen ist, stehen die lokalen Behörden vor Problemen, vor allem auf der Verwaltungsebene», sagt Zito. Die Verfahren seien unklar, und auch über die verfügbaren Mittel herrsche keine Klarheit. «Zum Wohle der ankommenden Menschen mussten wir enorm viel Verantwortung übernehmen.»

Die Coronakrise hat die Verfahren nur noch komplizierter gemacht. Selbst bei einem negativen Test besteht eine fünfzehntägige Quarantänepflicht. «Die ersten Geflüchteten, die während der Pandemie nach Italien kamen, erreichten die Küste Roccellas im Sommer 2020. Niemand störte sich daran – obwohl unter ihnen auch positiv Getestete waren», erklärt der Bürgermeister. Vor etwa einem Monat geschah aber etwas, das das Fass zum Überlaufen brachte: Etwa siebzig Geflüchtete mussten nach ihrer Ankunft am 20. Oktober die Nacht am Quai verbringen; weil keine Plätze für das Erstaufnahmeverfahren zur Verfügung standen, mussten sie im Freien schlafen. «Wir konnten nicht einmal Toiletten oder sonstige Hygieneeinrichtungen bereitstellten», beklagt Zito.

«Die Menschen kommen meist aus Ländern, in denen Krieg herrscht, die von Diktatoren regiert werden», sagt der Bürgermeister. Es sei wichtig, sie spüren zu lassen, dass die Zustände, vor denen sie flöhen, hier nicht fortbestünden. «Sie im Hafen draussen und ohne Toiletten frieren zu lassen, ist eines zivilisierten Landes nicht würdig», fährt Zito fort. «Und wo sollen wir die Leute unterbringen, die positiv getestet wurden?»

Das «gesundheitliche Notverfahren» sieht seit dem Frühjahr 2020 für Erwachsene eine Quarantäne in Hotels oder an Bord von Schiffen vor: auf Fähren, die vom italienischen Innenministerium gemietet und vom Roten Kreuz betrieben werden. In Kalabrien gibt es allerdings keine solchen Quarantäneschiffe, und auch die Plätze in den Hotels sind begrenzt. Anfang November beschwerte sich der Bürgermeister bei der Regierung über die fehlende Unterstützung; die Behörden versprachen daraufhin, in den kommenden Wochen ein Quarantäneschiff nach Kalabrien zu schicken. Im Hafen von Roccella Ionica errichteten sie eine unbeheizte Notunterkunft, in der bis zu 150 Personen Platz haben und von wo aus sie nach maximal zehn Stunden weiterverteilt werden sollen.

Aufnahmezentren am Anschlag

37 minderjährige Geflüchtete, die Ende Oktober in der kalabrischen Kleinstadt eingetroffen sind, wurden vorübergehend in einem Gästehaus untergebracht, das der Pfarrei und der Caritas gehört. «Es handelt sich um eine Notsituation – aber auf Dauer ist dieser Zustand nicht tragbar: Wir mussten Liegepritschen aufstellen, und es gibt auch keine Gemeinschaftsräume zum Essen», sagt Maria Paola Sorace, die für die lokale gemeinnützige Organisation Pathos arbeitet. «Wenn jetzt noch viele Minderjährige eintreffen, sind wird überfordert. Die Aufnahmezentren sind am Anschlag, es braucht dringend neue Strukturen», so die Helferin.

Viele der Minderjährigen, die in Roccella Ionica ankommen, stammen aus Ägypten, sind zwischen zwölf und siebzehn Jahre alt und reisen alleine. Ausgangspunkt ihrer Überfahrt nach Kalabrien ist oft die Türkei oder die libysche Stadt Tobruk an der Grenze zu Ägypten. Die «türkische Route» ist viel teurer als jene aus Libyen oder Tunesien, über die die meisten Geflüchteten Italien erreichen. Die Überfahrt dauert vier bis fünf Tage und kostet zwischen 4000 und 10 000 US-Dollar, gilt aber als deutlich sicherer als die anderen Routen.

Die Geflüchteten, die via Türkei reisen, werden zuerst in Istanbul in Sammelzentren untergebracht und dann mit Autos oder Minibussen in Städte entlang der Küste gefahren, wo sie dann an Bord der Boote gehen. Darunter befinden sich immer mehr Afghanen – wie der siebzehnjährige Khalil, der aus Ghasni stammt und der Minderheit der Hasara angehört. Als die Taliban im August die Macht übernahmen, verliess er das Land mit dem Ziel Deutschland. «Es gab keine Zukunft für mich, meine Gemeinschaft wird verfolgt, und meine Brüder sind auch bereits in Europa. Also beschloss ich, ebenfalls zu gehen», erzählt Khalil. «Ich will bloss ein normales, sicheres Leben.» 1000 Dollar habe er bezahlt, um von Afghanistan in die Türkei zu gelangen, weitere 9000 für die Überfahrt übers Mittelmeer. «Mein Vater hat ein kleines Lebensmittelgeschäft; er hat seinen gesamten Besitz verkauft, um mir die Flucht zu ermöglichen», erzählt Khalil.

Fast die ganze Strecke von Afghanistan in die Türkei legte er zu Fuss zurück – und riskierte dabei, von iranischen oder türkischen Grenzbeamt:innen verhaftet zu werden. Was dann passieren kann, haben diverse NGOs mit den Aussagen von Dutzenden Zeug:innen dokumentiert: Sie berichten von Schlägen, Misshandlungen, sexuellem Missbrauch und Diebstahl.

Khalils Freund Zebiullah, fünfzehn Jahre alt, hat von den Schlägen Blessuren an den Beinen, hinzu kommt eine schwere Krätzeinfektion, die die Helfer:innen zu behandeln versuchen. «Wir haben all das überlebt, jetzt wollen wir nur noch arbeiten und etwas Geld nach Hause schicken», sagt Khalil, der gleich nach seiner Ankunft in Italien seine Eltern kontaktierte, um ihnen mitzuteilen, dass er noch lebt. Als er von seiner Mutter erzählen will, bleiben ihm die Worte im Hals stecken. Nach einer Pause fährt er fort: «Meine Eltern haben sich Sorgen um mein Leben gemacht. Ich hoffe, ich kann ihnen bald alles zurückzahlen», sagt Khalil. «Vielleicht schaffen sie es eines Tages auch hierher.»

Aus dem Italienischen von Leandro Pila.

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