Nr. 17/2021 vom 29.04.2021

Menschen machen Sachen

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Die Frage, ob ich am Sonntag den «Tatort» boykottieren soll, stellt sich zum Glück nicht – den aus Münster mag ich nämlich sowieso nicht. So was oder auch Berufsverbot wird gefordert, seit 53 deutsche SchauspielerInnen, bekannt aus ARD und ZDF, unter #allesdichtmachen mit satirisch gemeinten Videos gegen die deutschen Coronamassnahmen gründlich in die Scheisse gelangt haben.

52 der Videos habe ich gesehen, Heike Makatsch hatte das ihre schon verschämt zurückgezogen, weitere KollegInnen folgten ihr, verschreckt vom heftigen Shitstorm. Weil ich zur seltenen Spezies gehöre, die nicht nur den «Tatort», sondern auch andere deutsche Filme schaut, sind mir einige der ProtagonistInnen vertraut, und so stehe auch ich vor der Frage: Wie kann man nur so blöd sein, sich nicht vorher zu überlegen, wie das rauskommt? Und falls man sich genau das überlegt hat – umso schlimmer.

In den Videos war zwar vermerkt, dass man sich auf «WirBleibenZuhause» bezog, eine infantile Youtube-Kampagne des Bundesministeriums für Gesundheit vom Frühjahr 2020, die tatsächlich stark zum Parodieren reizt. Doch die pathetisch rezitierten, teils sinnfreien Sätze über Untertanentum und Meinungsverbote ähneln den Parolen der QuerdenkerInnen so sehr, dass sie auch dem rechtsgerutschten Exverfassungsschützer Hans-Georg Maassen («grossartig») gefielen. Dass einige in ihrem Video versuchen, den «Beifall von der falschen Seite» vorauseilend zu ironisieren – rechts darf kein Publikum sitzen, ha ha! –, hilft da nicht.

Es ist ein bisschen traurig. Einigen dieser KünstlerInnen schaue ich wirklich gern beim Spielen zu, zum Beispiel Martin Brambach oder Meret Becker. Und den Stuttgarter «Tatort» von Regisseur Brüggemann, der sich jetzt böse über Lynchgesinnung aufregt, finde ich immer noch gut. Auch Hanns Zischler hätte ich für klüger gehalten, wobei sich der im Video nicht nur von der Aktion, sondern auch von allem andern samt sich selbst distanziert. Clever.

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