Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Was zu beweisen war

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

«Das Objekt, auf das sich dann der empörte Protest richtet, ist so austauschbar wie mutwillig.» Das sagte Carolin Emcke in ihrer Gastrede am Parteitag der Grünen. Grobschlächtig würde ich den Satz so verbildlichen: Denen, die eine Sau durchs Dorf jagen, ist egal, ob sie fett ist oder hinkt.

Damit beschimpfe ich nicht Carolin Emcke, Publizistin, Autorin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Aber auch meine Deutung wäre geeignet, aus dem Zusammenhang gerissen und missverstanden zu werden, wie jener Satz, der Carolin Emcke seit ihrer Rede – angeführt von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak – in sozialen Medien und Springer-Presse vorgeworfen wird.

Was sich da abspielt, erklärt die Rede selbst. Emcke spricht von einer «in den sozialen Medien fragmentierten und durch Desinformation aufgeladenen Öffentlichkeit», in der, angefeuert von «populistischen Agitatoren», kein Interesse an einer Unterscheidung von richtig und falsch bestehe.

Man werde das im Wahlkampf sehen, fuhr sie fort, Manipulationen, Lügen, Echtes und Erfundenes – es werde alle treffen. Gleich, welche Parteien Deutschland schliesslich regieren würden, «die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben».

Und dann kam er, der Satz, in dem eine aufgebrachte Meute die Relativierung des Holocaust und Antisemitismus wittert: «Es wird sicher wieder von ‹Elite› gesprochen werden, und vermutlich werden es dann nicht die ‹Juden› und ‹Kosmopoliten›, nicht die ‹Feministinnen› oder die ‹Virologinnen› sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen.»

Kurz vor Redaktionsschluss twitterte Ziemiak, er habe ein «längeres + gutes Telefonat» mit Emcke geführt: «Im Kontext ganzer Rede wird deutlich, dass sie Hass & Lügen gg. Juden nicht vergleicht od. verharmlost.»

Eine Entschuldigung fehlt.

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