Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

Der Bürgerschreck mit lädierter Nase

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Für die einen war er ein Revolutionär, der die Moderne entscheidend geprägt hatte, für die anderen ein drogensüchtiges Irrlicht, charismatisch, aber auch rücksichtslos. Seine gutbürgerliche österreichische Familie liess ihn mehrfach internieren und versuchte sogar, ihn zu entmündigen. Diesen radikalen Disziplinierungsversuchen entkam der Gesuchte immer wieder: Er floh aus Entziehungsanstalten, ging zurück an die Arbeit als Psychiater, Arzt und Anarchist, zurück aber auch zu den Drogen und zu seinen zahlreichen Affären, mit denen er viele Kinder zeugte – bis er 1920 in Berlin starb, gerade einmal 42-jährig, nachdem Freunde ihn halb verhungert und verkühlt auf der Strasse aufgefunden hatten.

Drogensucht und Halluzinationen hielten ihn in Bann. Sein revolutionärer Freund Erich Mühsam notierte in seinen Tagebüchern, dass der Kokainabhängige «stets mit lädierter und besalbter Nase» herumlaufe, sodass man bei seinem Anblick prompt «die Lust an der Vergiftung» verliere. Und doch hinterliess kein Geringerer als Franz Kafka in einem Brief an Milena Jesenská die Erinnerung, er habe den rastlosen Ideenreichen, den er mit dem «Angenagelten» am Kreuz verglich, zwar kaum gekannt, «dass hier aber etwas Wesentliches war, das wenigstens die Hand aus dem ‹Lächerlichen› ausstreckte, habe ich gemerkt». Mit Kafka wollte er später die Zeitschrift «Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens» herausgeben.

Auch zwischen den beiden mächtigen Pfeilern Sigmund Freud und Carl Gustav Jung bewegte sich der studierte Psychoanalytiker – und blieb am Ende keinem von beiden verbunden. Seinem Lehrer Freud stand er inhaltlich zwar näher, wurde aber verstossen. Man war sich uneins, ob sich die Psychoanalyse gesellschaftspolitisch einmischen sollte: «Wir sind Ärzte und Ärzte müssen wir bleiben», erklärte der Vater der Psychoanalyse. Vor Jungs Analyseversuchen flüchtete er selbst, nachdem er 1908 ins Burghölzli zum Entzug eingeliefert worden war.

Wer war der hochbegabte Sohn eines bekannten Kriminologen, der überzeugt war, dass «die Psychologie des Unbewussten» die «Philosophie der Revolution» sei und der zeitweise in der freigeistigen Künstlerkolonie und Naturheilanstalt am Monte Verità oberhalb von Ascona lebte, wo seine Theorie, dass autoritäre Väter und Familienstrukturen die Wurzel vieler Übel seien, naturgemäss auf fruchtbaren Boden fiel – obwohl auch dort nicht unbedingt die Frauen das Sagen hatten?

Wir suchten nach dem österreichischen Psychoanalytiker und Anarchisten Otto Gross (1877–1920), Sohn des Begründers der Kriminalistik, Hans Gross. Otto Gross war seiner Zeit in mancher Hinsicht voraus, sein Werk umfasst Schriften zum «Bewusstseinszerfall» und zur «kommunistischen Idee in der Paradiessymbolik» ebenso wie drei Aufsätze «über den inneren Konflikt». Aktuell wird Gross in Stefan Jägers Kinofilm «Monte Verità» von Max Hubacher gespielt. In Andreas Schwabs neuem Buch «Zeit der Aussteiger» über verschiedene Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità (Verlag C. H. Beck) ist er unter der Kapitelüberschrift «Erotomanien» verewigt.

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