Nr. 45/2021 vom 11.11.2021

«Legitimiert» sterilisiert

Von Rahel Locher

Wie ging die Stadt Basel im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit Frauen um, denen der Ruf anhaftete, entgegen bürgerlichen Moralvorstellungen zu handeln? Der Verein Frauenstadtrundgang Basel gibt im Sammelband «Auf Abwegen» einen Einblick in die Lebensrealitäten von Frauen, die abtreiben wollten, Sexarbeit leisteten oder einfach arm waren. Er zeigt auf, wie staatliche Vorschriften und wissenschaftliche Argumentationen zusammenspielten und so zu weitreichenden Eingriffen in die Ehe- und Reproduktionsmöglichkeiten der ärmeren Bevölkerung führten.

Der eugenische Diskurs um einen «gesunden Volkskörper» wurde in Basel Anfang des 20. Jahrhunderts prominent vom Psychiater Carl Brugger vertreten. Um die «Degeneration» der Bevölkerung zu verhindern, so das Argument, sollten mittels Eheverboten und sogar Sterilisationen psychisch kranke, alkoholabhängige oder arme Menschen am Kinderkriegen gehindert werden. Psychiatrische Gutachten «legitimierten» die körperlichen Zwangseingriffe – etwa an Frauen, die ohne physische Indikation eine Schwangerschaft abbrechen wollten.

Der Sammelband dokumentiert auch selbstbestimmte Wege der Geburtenkontrolle. So führte Anna W. ohne staatliche Bewilligung Abtreibungen durch und berücksichtigte dabei auch die finanziellen Möglichkeiten der Frauen. Gerade in der ärmeren Bevölkerung unterstützten sich Frauen gegenseitig und regelten Frauenbelange in Eigenregie. Am Arbeitsplatz setzten sie sich einzeln und gemeinsam zur Wehr: Hausmägde forderten vor dem Dienstbotenrichter teilweise erfolgreich ausstehendes Gehalt ein. Und 1868 streikte die mehrheitlich weibliche Belegschaft in einer Seidenbandfabrik für bessere Arbeitsbedingungen – beim ersten belegten Fabrikstreik in der Stadt Basel. Trotz Rollenerwartungen und -zwängen schufen sich Frauen so immer wieder eigene Handlungsmöglichkeiten.

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