Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Die Wunderpille im Zwielicht

Margaret Sanger war Sozialistin und Verfechterin der freien Liebe – und eine glühende Eugenikerin. Als Pionierin der Geburtenkontrolle verkörpert sie den feministischen, aber auch den rassistischen Hintergrund, der zur Entwicklung der ersten Antibabypille führte.

Von Anja Suter

1960 kam die erste Antibabypille auf den Markt: Ihre Entwicklung wurde jedoch nicht nur von hehren feministischen Ideen vorangetrieben. FOTO: UIG, GETTY

New York, Ende Oktober 1916: Die kleine Wohnung, in der sich Margaret Sanger und ihre Schwester zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung aufhielten, lag im Brooklyner Stadtteil Brownsville. Die übrigen Frauen und Kinder im Raum waren ob des Polizeieinsatzes wohl überraschter als die beiden Schwestern. Diese wussten, dass sie mit ihrer Birth Control Clinic, der ersten Einrichtung ihrer Art in den USA, Gesetzesbruch begingen. Sie taten es aus Überzeugung.

Ihre Birth Control Clinic in Brownsville wurde vom ersten Tag an von hilfesuchenden Frauen überrannt. Viele waren schwanger und wollten abtreiben – ein Wunsch, den Sanger und ihre Schwester nicht erfüllen konnten. Sie berieten die Frauen lediglich und gaben ihnen Verhütungsmittel und -methoden mit auf den Weg. Die Verhaftung zehn Tage nach der Eröffnung entmutigte Sanger nicht: Der Kampf für eine sichere und legale Empfängnisverhütung wurde zu ihrem Lebensprojekt. Bereits 1932 schürte sie die Hoffnung auf ein Verhütungsmittel, das Frauen so unkompliziert einnehmen könnten wie eine Schmerztablette – sie nannte es «the magic pill».

Margaret Sanger (1879–1966) war die wohl zentrale Figur bei der Entwicklung der ersten Antibabypille. Die in New York geborene Krankenschwester und Mutter dreier Kinder war Sozialistin, Feministin, Verfechterin der freien Liebe – und glühende Eugenikerin. Wie keine andere Person spiegelt sie die volle Ambivalenz der Geschichte der Pille wider, einer Geschichte zwischen Befreiung und Zwang.

Sangers Interesse an der Geburtenkontrolle wird gerne biografisch begründet: Als Kind irischer MigrantInnen war sie mit zehn Geschwistern in armen Verhältnissen in New York aufgewachsen. Ihre Mutter litt an Schwindsucht, einer Krankheit, die Sanger auf die vielen Geburten zurückführte. Am Sarg der Mutter soll Sanger – noch keine zwanzig Jahre alt – ihrem Vater die Schuld für deren Tod gegeben haben, weil er ihr so viele Schwangerschaften beschert habe.

Ihr Engagement brachte Margaret Sanger schon früh mit dem Gesetz in Konflikt. Bereits 1914 sah sie sich gezwungen, zeitweilig nach Grossbritannien zu flüchten. In den USA drohten damals bis zu 45 Jahre Gefängnis, weil der Comstock Act jegliche Informationen über Mittel zur Schwangerschaftsverhütung untersagte. Im englischen Exil kam Sanger in Kontakt mit den Bevölkerungsthesen des Ökonomen Robert Thomas Malthus (1766–1834). Dieser hatte Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Eindruck der Revolutionen in Frankreich und auf Haiti die These aufgestellt, dass das Missverhältnis zwischen natürlichen Ressourcen und dem gemäss seinen Berechnungen exponentiellen Anstieg der Geburten ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten verunmögliche. Im Visier hatte er dabei explizit die schlecht situierten ArbeiterInnen Englands: Sie sollten keine Armenfürsorge mehr erhalten, weil staatliche Unterstützung bloss zur Geburt von noch mehr armen Kindern führe.

Um 1900 erlebten Malthus’ Thesen und sein Ruf nach gezielter Geburtenkontrolle eine Renaissance. Sie fanden jetzt Eingang in die florierende eugenische Bewegung, der es um die gezielte «Auslese» respektive «Zucht» von in ihren Augen «angepassten» und «lebenswerten» Menschen ging.

Gegen «untüchtiges» Leben

Als Margaret Sanger 1915 aus England zurückkehrte, war sie bereits überzeugte Eugenikerin mit grosser Sympathie für Malthus’ Thesen. 1920 veröffentlichte sie das Buch «Woman and the New Race», in dem sie für eine Geburtenkontrolle im Sinne der negativen Eugenik plädierte: «Untüchtiges» Leben müsse verhindert werden. «Untüchtig» waren gemäss Sanger arme Frauen und solche, die gemäss damaliger Pathologisierung an einer vererbbaren Krankheit litten. Sanger verband ihre feministische Überzeugung, wonach Frauen nur mit Geburtenkontrolle ihre Freiheit erlangen könnten, mit der eugenischen Maxime des «survival of the fittest». Die Freiheit, die sie anfänglich für alle Frauen einforderte, sollte nun vielen Frauen verwehrt bleiben.

Mit der Hinwendung zu Malthus und zur Eugenik rückte Sanger ihren Kampf auf eine neue Bühne: Die eugenische Bewegung der 1920er Jahre, die weltweit sowohl sozialistische als auch faschistische FürsprecherInnen fand, war international gut vernetzt, und in den USA unterstützte sie gar der ehemalige Präsident Theodore Roosevelt. Für die Sozialistische Partei wie für die US-Suffragetten dagegen war die Geburtenkontrolle damals kein politischer Schwerpunkt. Enttäuscht darüber, wandte sich Sanger nun finanzkräftigen Personen und Organisationen zu, die sie in früheren Jahren noch als Klassenfeinde bezeichnet hatte. Dabei scheute sie auch den Kontakt zu Rassisten und Antisemiten nicht: Als sie 1921 die American Birth Control League gründete, holte sie mit Lothrop Stoddard einen Verfechter der White Supremacy an Bord, der auch Mitglied des Ku-Klux-Klan war.

Zeit ihres Lebens grenzte sich Margaret Sanger weder von der Eugenik noch vom Rassismus ihrer KomplizInnen in der Birth-Control-Bewegung ab. Vielmehr verliess sie sich auf die Breite ihres finanzkräftigen internationalen Netzwerks. Es ermöglichte ihr, um die Welt zu reisen, globale Konferenzen zur Geburtenkontrolle zu organisieren und einschlägige Dinnerpartys abzuhalten. An einer solchen lernte sie Anfang 1951 einen weiteren zentralen Verbündeten kennen: den Biologen Gregory Pincus (1903–1967).

Als Experte im Feld der reproduktiven Biologie erlangte Pincus in den 1930er Jahren breite Aufmerksamkeit: Ihm und seinem Forschungsteam war es gemäss eigenen Berichten gelungen, vaterlose Hasen zu produzieren. Es war die erste bekannt gewordene Befruchtung einer Eizelle im Reagenzglas.

Die schwerreiche Schmugglerin

Mit Pincus hoffte Sanger, Zugang zu den neusten Errungenschaften der Endokrinologie zu erhalten. Wie viel Zeit und Geld würde es kosten, so fragte sie ihn an besagter Dinnerparty, an einem Kontrazeptivum für Frauen zu forschen? Pincus erkannte sofort das Potenzial dieser Frage. Und er wusste aus eigener Erfahrung: Eine solche Aufgabe liess sich nur mit Spenden von Privatpersonen in Angriff nehmen. Zu gross war damals die Macht der Kirchen und der AnhängerInnen des Kommunistenjägers Joe McCarthy im US-Senat, die in der Forschung um Sexualverhalten und Reproduktion eine «internationale bolschewistische Verschwörung» sehen wollten.

Margaret Sanger hingegen versprach Pincus nicht nur die ideologische Unterstützung durch ihr globales Netzwerk der eugenisch-malthusianischen Birth-Control-Bewegung, sondern auch die tatkräftige Hilfe von Katharine McCormick, einer der zentralen KomplizInnen auf ihrer Suche nach der «magic pill». McCormick war Suffragette und Biologin, die zweite Frau, die am Massachusetts Institute of Technology mit einem Master abschloss. Auch sie war eine leidenschaftliche Verfechterin der Empfängnisverhütung. Schon in den 1920er Jahren hatte sie Diaphragmen von Europa in die USA geschmuggelt, um Sangers Birth-Control-Kliniken zu unterstützen. Und: Katharine McCormick war reich, schwerreich. Da ihr Mann kurz nach der Heirat einen psychischen Zusammenbruch erlitten hatte und ihm darauf Schizophrenie diagnostiziert worden war, stand sie überdies in engem Kontakt mit einem breiten Netzwerk an Spitälern und ÄrztInnen. Die Biologin besass das Geld, die wissenschaftliche Kenntnis und die entscheidenden medizinischen Kontakte.

Das Geschäft mit Hormonen

Gregory Pincus fasste den Auftrag der beiden Frauen zu einer Zeit, als die Hormonforschung in vollem Gang war. Die künstliche Herstellung von Steroiden, zu denen die Sexualhormone zählen, war seit den 1930er Jahren möglich. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs galt zudem als erwiesen, dass das «Schwangerschaftshormon» Progesteron den Eisprung hemme. Während das Geschäft mit Sexualhormonen boomte, war das Interesse an der Empfängnisverhütung gering. Die Pharmaindustrie machte ihr Geld mit Hormonpräparaten: Bei Frauen dienten sie der Behandlung von Menstruationsbeschwerden, bei Männern sollten sie «Müdigkeitserscheinungen» oder eine «psychische Spannung» lösen. Die grösste Aufmerksamkeit erhielt ab Mitte der 1940er Jahre jedoch das Steroid Cortison: Es trat eine steile Karriere als Wundermittel gegen Entzündungen und Allergien jeglicher Art an.

Die Pharmafirmen suchten daher eifrig nach einem Rohmaterial, aus dem sich kostengünstig eine möglichst hohe Dosis an Sexualhormonen gewinnen liesse. Bislang hatte man hierfür Tonnen von Schweinsovarien, Stierhoden oder literweise menschlichen Urin benötigt. Zu Beginn der 1950er Jahre stiess ein internationales Forschungsteam im Urwald von Oaxaca in Mexiko auf einen vielversprechenden Rohstoff: Die Wurzeln des Barbasco, einer dort wild wachsenden Yamssorte, enthalten eine hohe Dosis an Diosgenin, aus dem sich Cortison und Progesteron herstellen lassen. Was bei dem aus Barbasco gewonnenen Progesteron besonders vielversprechend schien: Es war auch dann äusserst wirksam, wenn es oral eingenommen wurde.

Als Pincus von Barbasco erfuhr, zögerte er keinen Moment und begann, den Stoff an seinen Kaninchen zu testen. Mit Erfolg: Der Eisprung blieb aus, und das Kaninchenweibchen überlebte die ihm verabreichte Dosis. Nun galt es den Wirkstoff an Frauen zu testen. Frauen, die an der Studie teilnahmen, mussten während mindestens vier Monaten täglich eine Reihe von Pillen schlucken, einen Vaginalabstrich vornehmen, ihren Zyklusverlauf notieren, regelmässig Urinproben nehmen und gynäkologische Checks über sich ergehen lassen. Bei einem Teil der Frauen wurden gar operative Eingriffe vorgenommen, um zu prüfen, ob die eingenommene Substanz den Eisprung auch wirklich hemmte. Kurz: Die Tests waren enorm aufwendig, und sie verlangten den Probandinnen eine hohe Einsatzbereitschaft ab.

Zudem mussten solche Studien verdeckt durchgeführt werden, weil die Forschung an Kontrazeptiva in den USA damals noch verboten war. Im Gynäkologen John Rock fand das Trio den perfekten Partner: Rock war bekennender Katholik und somit für die Sittenpolizei unverdächtig. Überdies leitete er das Free Hospital for Women in Boston, wo er zu der Zeit bereits mit Progesteronpräparaten an Patientinnen experimentierte. Allerdings mit dem gegenteiligen Ziel: Er suchte seine Patientinnen von ihrer Unfruchtbarkeit zu heilen. Zu den Probandinnen in den ersten Testphasen gehörten neben Rocks Patientinnen auch Krankenschwestern einer psychiatrischen Klinik in Worcester in der Nähe von Boston. Schon bald gerieten aber deren Patientinnen ins Visier, konnte man diese doch viel besser überwachen und kontrollieren. Deren Familienangehörige wurden über die Studie aufgeklärt und um Erlaubnis gefragt, nicht aber die Patientinnen selbst.

Die ersten grossflächigen Studien mit Kontrazeptiva fanden jedoch in Puerto Rico statt, damals faktisch ein US-amerikanisches Protektorat. Die Tests dort waren ähnlich unfreiwillig: Einer Gruppe von Medizinstudentinnen der University of Puerto Rico in San Juan drohte man, sie würden durch die Abschlussprüfungen fallen, sollten sie sich nicht an der Pillenstudie beteiligen. Die Fäden zog die US-Ärztin Edris Rice-Wray, die unter anderem für das Gesundheitsdepartement von Puerto Rico arbeitete und später für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig war. Sie leitete auch die ersten grossen Pillenstudien in Haiti und Mexiko.

Die Probandinnen dieser Studien in Puerto Rico, Haiti und Mexiko kamen fast ausnahmslos aus armen Verhältnissen – ein Umstand, den sich die StudienleiterInnen gezielt zunutze machten. Viele Frauen erhofften sich mit der Teilnahme eine bessere ärztliche Versorgung oder die Verabreichung sicherer Verhütungsmittel.

«Familienplanung» gegen die Armen

Inzwischen begann in den USA und Europa auch der politische Wind zu drehen: Noch während des Zweiten Weltkriegs erhielten Malthus’ Thesen der «Überbevölkerung» im Westen starken Auftrieb. Soziale Fragen wurden abermals biopolitisch beantwortet, wobei sich der Fokus auf die Aussenpolitik verschob – auf den wachsenden Einfluss der KommunistInnen im Osten und auf die Unabhängigkeitsbewegungen in den (noch) kolonialisierten Ländern des Südens. In Europa und den USA befürchteten viele eine Umkehrung der Verhältnisse: Die ehemals Kolonisierten, so das rassistische Narrativ, würden die früheren Kolonialmächte ökonomisch wie numerisch bald übertrumpfen.

Geburtenkontrolle vor der Pille: Die Sanger Birth Control Clinic in New York wurde im Oktober 1916 von hilfesuchenden Frauen überrannt – und kurz nach der Eröffnung von der Polizei geschlossen. FOTO: EVERETT COLLECTION, IMAGO IMAGES

Der Kalte Krieg befeuerte diese Vorstellung. Krisenphänomene wie Hunger und Armut, aber auch der menschliche Einfluss auf die Natur wurden nun zu bevölkerungspolitischen Problemen erhoben, denen man das Potenzial zuschrieb, einen weiteren Weltkrieg auszulösen oder zumindest die Machterweiterung des Kommunismus zu fördern. Entsprechend martialisch war die Wortwahl: Der Soziologe Kingsley Davis, der mehrere Studien im Auftrag des Office of Population Research an der Princeton University leitete, hatte bereits 1945 das Bild der «tickenden Bevölkerungsbombe» geprägt. So wurden im Westen der Nachkriegszeit gleich mehrere internationale Organisationen ins Leben gerufen, die die Weltbevölkerung zum Politikum machten und in der «Familienplanung» – ein Begriff, der zu dieser Zeit gross wurde – die Lösung gleich mehrerer angeblicher Weltprobleme sahen. Letztlich schafften es diese überstaatlichen Organisationen, Begriffe wie Geburtenkontrolle in der Nachkriegszeit politisch salonfähig zu machen – trotz des nach wie vor starken Gegenwinds der katholischen Kirche.

Eine zentrale Organisation war der Population Council, der 1952 vom Milliardär und Philanthropen John D. Rockefeller III zusammen mit dem Demografen Frank W. Notestein und dem Eugeniker Frederick Osborn gegründet wurde. Der Population Council war sowohl in seiner Zusammensetzung als auch in seiner politischen Ausrichtung repräsentativ für den westlichen «Überbevölkerungs»-Diskurs: eine bunt gemischte Gruppe von VertreterInnen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft (wozu sich auch die EugenikerInnen zählten), Naturschutz und Philanthropie. Bis heute führt der Population Council demografische Studien durch und finanziert Familienplanungsprogramme, bevorzugt in ehemals kolonialisierten Staaten.

«Familienplanung» war folglich als Begriff ebenso wenig neutral wie «Weltbevölkerung» und «Fertilität». Denn das «Zuviel» an Menschen, das den Planeten und seine Ressourcen an den Rand bringen würde, ortete man abermals bei den anderen: den Armen und den Nichtweissen. So gerieten Staaten wie Brasilien oder Indien, das 1947 die Unabhängigkeit erlangte, in den Fokus westlicher BevölkerungsstrategInnen. Dabei war Indien ein besonderer Fall. Bereits in den 1870er Jahren hatte sich dort eine starke neomalthusianische Bewegung formiert, die, wie diejenige im Westen, von EugenikerInnen getragen wurde. Mit ihrer Fürsprache für die Geburtenkontrolle verfolgte sie eine elitäre Klassen- und Kastenpolitik, die einerseits deutlich hindunationalistisch und antimuslimisch geprägt war, aber zugleich auch als antikoloniales Projekt diente: Die geplante «Zucht» respektive das Verhindern von Geburten niedrigkastiger und muslimischer Kinder sollte die «Hindunation» und somit auch den antikolonialen Kampf stärken.

Ihre Stimmen wurden im Westen dankbar aufgenommen. Schon in der Zwischenkriegszeit hatte Margaret Sanger Texte von N. S. Phadke von der Birth Control League in Bombay und von Gopaljee Ahluwalia, dem Gründer der Indian Eugenics Society, publiziert. In den 1930er Jahren fand sie auf langen Reisen durch den Subkontinent eine weitere Verbündete in Dhanvanthi Rama Rau. Geboren in eine wohlhabende Kaschmiri-Familie, setzte sich Rama Rau als Frauenrechtlerin und Neomalthusianerin früh öffentlich für die Geburtenkontrolle ein. 1949 gründete sie die Family Planning Association of India, die sie lange Zeit auch präsidierte. Durch den internationalen Austausch und den gegenseitigen Support erhofften sich die indische wie auch die US-amerikanische Bewegung eine breitere öffentliche Akzeptanz der Geburtenkontrolle. Den westlichen VertreterInnen ging es dabei vor allem darum, nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 die Oberhand zu gewinnen, indem sie ihre finanzielle und institutionelle Unterstützung in neokolonialer Manier an konkrete familienplanerische Diktate banden.

Befreiung dank Enovid

1952, im Gründungsjahr des Population Council in den USA, luden Margaret Sanger und Dhanvanthi Rama Rau zur Dritten Internationalen Familienplanungskonferenz nach Bombay. Rund 500 Personen aus Wissenschaft und Politik folgten der Einladung. An der sechsten Konferenz der International Planned Parenthood Federation (IPPF), im Februar 1959 in Delhi, stand dann für einen Tag bereits ein einziges Thema im Zentrum: «Orale Methoden zur Fruchtbarkeitskontrolle». Präsidiert wurden die IPPF sowie die Konferenz von Margaret Sanger und Dhanvanthi Rama Rau, finanzielle Unterstützung kam zur Hauptsache von westlichen Stiftungen. Zum Zeitpunkt dieser Konferenz war die von Gregory Pincus entwickelte Pille Enovid bereits seit zwei Jahren auf dem Markt – als Medikament zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden.

Ein Jahr später, im August 1960, wurde Enovid weltweit als erstes orales Verhütungsmittel zugelassen, in der exakt gleichen Dosierung: 10 Milligramm Noretynodrel (ein Progestogen) und 0,15 Milligramm Mestranol (ein Oestrogen). Klein, rund, weiss, 140 Milligramm leicht, mit einem Schluck Wasser leicht einnehmbar, war die Pille für viele Frauen eine Befreiung. Endlich konnten sie auf ein Verhütungsmittel zählen, das ihnen ein Sexualleben jenseits von Kindszeugung ermöglichte; ein Mittel auch, das ihnen allein die Macht gab, zu entscheiden, ob sie schwanger werden wollten oder nicht. Zugleich lässt sich die Geschichte der Verhütungspille nicht trennen von den eugenischen, rassistischen und neokolonialen Überzeugungen, die ihre Entwicklung vorangetrieben haben.

Die Historikerin Anja Suter forscht als Doktorandin an der Universität Basel.

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