Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Die kühne Visionärin

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Geboren wurde sie ein Jahr vor der Französischen Revolution in London. Die berühmte Mutter – «Es fehlt nicht an Almosen, es fehlt an Gerechtigkeit in der Welt!» – starb im Kindbett. Der Vater, ein bekannter Radikaler – «Der Weise gibt sich nie zufrieden» –, war als Alleinerziehender überfordert. Die neue Frau an seiner Seite hatte für die Tochter der Vorgängerin wenig übrig. Die Gesuchte musste sich rasch allein behaupten. In der Bibliothek des Vaters holte sie sich autodidaktisch so viel Wissen wie möglich und suchte dann bald das Weite. Mit knapp siebzehn Jahren floh sie aufs Festland, an ihrer Seite ein weiterer berühmter Mann.

Fast unvorstellbar, was aus ihr geworden wäre, wenn die Geschlechter- und die Moralvorstellungen, aber auch die biologischen Zwänge ihrer Zeit sie nicht in Ketten gelegt hätten. Sie überlebte mehrere komplikationsreiche Schwangerschaften, Fehlgeburten, Krankheiten. Doch auch der Alltag hielt Herausforderungen bereit, die wir uns heute kaum noch ausmalen mögen: die Rücksichtslosigkeit des Ehemanns etwa oder die beschwerlichen, mitunter lebensgefährlichen Reisen. In ihrem Tagebuch beschreibt sie eine lange Überfahrt von Dover nach Frankreich auf einem kleinen Ruderboot im Gewittersturm.

Bekannt wurde sie mit einer fantastischen literarischen Vision, geboren aus den Naturwissenschaften jener Zeit. Entworfen wurde dieses Werk, das sich bis heute grosser Beliebtheit erfreut, bei sehr schlechtem Wetter in der Schweiz. Das Buch erschien anonym, mit einem Vorwort des Gatten, erst die zweite Auflage trug ihren Namen. Die Kritik sprach von einer «sehr kühnen Fiktion».

Acht Jahre später publizierte sie ein heute noch zu entdeckendes Buch, eine weitere Science-Fiction. Es ist eine Hommage an ihren inzwischen zu Tode gekommenen Mann, den sie in verschiedenen Figuren wiederauferstehen lässt –, und gleichzeitig eine Abrechnung mit dem Patriarchat und manchen Ideen der Romantik: ein apokalyptischer Seuchenroman, der sich vom Menschen als Mittelpunkt der Schöpfung verabschiedet. Einer der letzten Sätze entlässt uns ins Ungewisse: «Weder Hoffnung noch Freude sind meine Lotsen – rastlose Verzweiflung und ein tiefes Begehren nach Wandel weisen mir den Weg.»

Wer ist die Gesuchte, die heute berühmter ist als ihr Ehemann, ihre Eltern und all ihre anderen illustren Weggefährten?

Wir suchten nach Mary Wollstonecraft Shelley (1797–1851). Sie war die Tocher der Frauenrechtspionierin Mary Wollstonecraft und des Philosophen William Godwin. Nach einem Vulkanausbruch in Indonesien erlebten Europa und Teile Amerikas 1816 ein «Jahr ohne Sommer». Mary Shelley und ihr Geliebter und späterer Mann, der Dichter Percy Bysshe Shelley, trafen sich allabendlich mit dem romantischen Dichterstar Lord Byron und dessen Leibarzt am Cheminéefeuer der Villa Diodati hoch über dem Genfersee, um sich aus selbstgeschriebenen Schauergeschichten vorzulesen. So entstand «Frankenstein or the Modern Prometheus» (1818), bis heute eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für Leserinnen, Filmemacher und Schriftsteller:innen. Nach dem Tod ihres Gatten, der beim Segeln in der Toskana ertrank, schrieb sie für und über ihn «The Last Man» (1826). Erst kürzlich erschien davon eine neue deutsche Übersetzung.

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