Nr. 24/2022 vom 16.06.2022

Wider das Schrumpfen der Welt

Einblicke in ein Land, das es offiziell gar nicht gibt: Die Sinologin Alice Grünfelder porträtiert Taiwan entlang von hundert Stichwörtern. Von A wie Abschied bis Z wie Zeichen.

Von Anna Gerstlacher

Demonstrationsumzug zum 70. Jahrestag: Die Zahl 228 steht für den 28. Februar 1947, als die Militärregierung einen Generalstreik blutig niederschlug und das Kriegsrecht ausrief.

Demo zum 70. Jahrestag: Die Zahl 228 steht für den 28. Februar 1947, als die Militärregierung einen Generalstreik blutig niederschlug und das Kriegsrecht ausrief. Foto: Imago

Verbringt eine Reiseautorin irgendwo eine Woche, schreibt sie einen Artikel. Bleibt sie einen Monat, verfasst sie einen Aufsatz. Bleibt sie ein Jahr, veröffentlicht sie womöglich gar nichts mehr: Die Fragestellungen werden immer komplexer, die Antworten komplizierter. Die in der Schweiz lebende Sinologin und Autorin Alice Grünfelder lebte 2020 ein halbes Jahr lang auf der «Ilha Formosa», der schönen Insel, wie die Portugiesen das heutige Taiwan im 16. Jahrhundert nannten, nachdem sie dort an Land gegangen waren. Nun legt sie ein klug gestaltetes Buch mit dem vielsagenden Titel «Wolken über Taiwan. Notizen aus einem bedrohten Land» vor.

1886 erhielt Taiwan den Status einer Provinz Chinas – und das genau ist der Fakt, auf den sich die Übernahmefantasien des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping in den kriegslüsternen Zeiten heute berufen. Der kleine Inselstaat im Pazifischen Ozean, in Europa vor allem als führender Chiphersteller bekannt, steht schon sehr lange auf der «Wunschliste der Wiedervereinigung mit dem übermächtigen Mutterland China». Für Insider:innen ist es nur eine Frage der Zeit, dass China die Entwicklung des gegenwärtigen Überfallkriegs in der Ukraine genau observiert, um in einem günstigen Augenblick die Insel ins gigantische Mutterland «einzuverleiben». Taiwan könnte zur Ukraine von morgen werden.

Kluger Kunstgriff

Wegen des durchgesetzten Alleinvertretungsanspruchs Chinas tritt Taiwan 1971 aus der Uno aus. In den Achtzigern nimmt ein unaufhaltsamer Demokratisierungsprozess Fahrt auf, der der Volksrepublik China seit jeher ein Dorn im Auge ist. Im Jahr 2000 wird die fünfzigjährige Herrschaft der chinesischen Kuomintang beendet; seit 2016 regiert Tsai Ing-wen als erste Präsidentin den Inselstaat.

Wie soll man über ein Land schreiben, das es offiziell gar nicht gibt? Als Kennerin der Gesamtsituation wendet Alice Grünfelder einen raffinierten Kunstgriff an, der zunächst überrascht, doch der Realität erstaunlich gerecht wird. Sie veröffentlicht kein Geschichtsbuch und keinen Roman. Anhand von hundert alphabetisch angeordneten Stichwörtern fängt sie entlang von grossen und kleinen Beobachtungen sowie Interviews (vor allem mit Frauen) Leben und Alltag des Inselreichs in vielen Facetten ein: Das ist auch dann lesenswert, wenn man mit Taiwan kaum vertraut ist.

Das Panorama beginnt ausgerechnet mit einem Eintrag zum Thema «Abschied»; über «Bedrohung», «Corona», «Erdbeben», «Gleichberechtigung», «Jiaozi», «Karaoke», «Meer», «Obdachlose», «Qigong» und «Tee» geht es weiter zu «Trostfrauen», «Weisser Terror», «2–28», um nur ein paar Kapiteltitel zu nennen. Die gut recherchierten, prägnant beschriebenen, manchmal auch sinnlich-verträumten Betrachtungen ergeben einen reichen Einblick in die Gesamtsituation des Landes. So erinnert der Eintrag «2–28» an den 28. Februar 1947, als ein Generalstreik gegen die Gräueltaten der chinesischen Militärregierung das Land ins Chaos stürzte; das ausgerufene Kriegsrecht sollte bis 1987 anhalten. Neben solch tragisch-gewichtigen Ereignissen sind es vor allem alltägliche Schlaglichter wie etwa das Radfahren in der velofreundlichsten Stadt Asiens, Taipeh, oder eine «suchende Schildkröte», die Stimmungen gekonnt einfangen und dem Ganzen «gelebtes Leben» einhauchen.

Flächendeckendes Puzzle

Besonderes Interesse verdient das Kapitel «Bedrohung». Grünfelder hat mit zwölf Frauen darüber geredet, wie sie mit der permanenten Bedrohung umgehen. Einige denken ans Auswandern, andere finden sich mit den wiederkehrenden Katastrophenwarnungen ab. Das Militär, das sich der chinesischen Dominanz durchaus bewusst ist, ist nur sehr begrenzt einsetzbar. Ob auf die Hilfe durch die USA gebaut werden kann, weiss niemand. «Sorge Dich nicht, es geht uns gut, es ist wie immer, früher war es einmal schlimmer», sagt eine der Frauen. Oder: «Ich habe keine Angst, weil mir schon früh klar war, dass man als einzelne Person nur wenig ausrichten kann.» Dieser Refrain wirkt nicht wirklich beruhigend.

Weit entfernt vom Genre eines Nachschlagewerks, setzen die meist kurz gehaltenen Episoden – die unabhängig voneinander gelesen werden können – bei der Lektüre einen Lernprozess mit Erkenntnisgewinn in Gang. Nach und nach ergibt sich ein flächendeckendes Puzzle des Inseldaseins. Informativ und hilfreich sind auch die im Anhang aufgeführte Geschichtschronik sowie eine Zusammenstellung der verfügbaren Literatur zu Taiwan.

«Würden Sie sich noch ein Haus bauen?», fragt Alice Grünfelder an einer Stelle ihre Gesprächspartnerin. «Nein, wir müssen jeden Tag mit allem rechnen; bisher waren es Taifune, Überschwemmungen und Erdbeben, nun kommen noch die immer bedrohlicher werdenden Ankündigungen der Annexion durch China dazu.» Im Zeitalter grausamer Autokraten, die jegliche demokratische Entwicklung als Bedrohung behandeln, die es gewaltsam zu unterdrücken gilt, schrumpft die kurzzeitig globalisierte Welt rapide zusammen. Alice Grünfelder schreibt mit «Wolken über Taiwan» eindrücklich dagegen an.

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