Im Affekt : Krisen-PR zum Selbermachen

Nr. 26 -

Was tun, wenn die Luft immer dünner wird und die Argumente ausgehen? Richtig, man schimpfe einfach auf «die woke linke Szene». Kürzlich zur Anwendung kam der Kniff bei Fynn Kliemann, der sich seiner in einem Videostatement bediente. Die Karriere des Jungunternehmers, Influencers und Musikers befindet sich nämlich im Sinkflug, seit der Fernsehsatiriker Jan Böhmermann seine Geschäftspraktiken beleuchtet hat.

Kliemann ist mit dilettantischen Heimwerkerclips auf Youtube bekannt geworden, die er auf einem umgebauten Bauernhof namens Kliemannsland in Niedersachsen produzierte. «Unser Treibstoff ist ein Cocktail aus Ideen, Fantasie und Energie […] Manchmal als Kehrseite der Vernunft. Immer mit dem Herzen», heisst es auf der Website. Das klingt nicht nur nach einem unbedingt zu meidenden Ort, tatsächlich geriet Kliemann schon vor zwei Jahren in die Kritik, als sein Kreativspielplatz motivierte Handwerker:innen suchte – «Vollzeit, aber nur für Kost und Logis».

Vor einem Monat nun erhob Böhmermann deutlich gravierendere Vorwürfe: Kliemann soll 2020 Coronamasken vermarktet haben, die – anders als behauptet – nicht «fair» in Europa, sondern in Bangladesch produziert worden waren. Ausserdem soll er medienwirksam Masken an Geflüchtete gespendet haben, obwohl es sich um Mängelexemplare handelte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Kliemann versprach Aufarbeitung. Dann der Strategiewechsel: Nun sollen also Linke schuld sein, weil die einen Ort wie das Kliemannsland nicht ertrügen, der allen die «Freiheit» biete, irgendwie anders zu sein. Ob ihm das aus der Patsche hilft? Vielleicht aber denkt der liebenswerte Querkopf schon zwei Schritte weiter. Die Eignung für einen Job in der rechten Meinungsindustrie hat er bewiesen: «Woken»-Schelte ist ein krisensicheres Metier.

Merke: Sobald einer mit Bart und hippem Mützchen von seinen «Träumen» spricht, gilt es Deckung zu suchen.