Im Affekt: Jeder Mist ein Treffer?

Nr. 48 –

Das hast du aber toll gemacht, du bist ja schon ein richtiger Künstler! Dass man Kinder nicht mit falschen Komplimenten eindecken soll, nur weil sie irgendwas phänomenal Abstraktes auf ein Papier geschmiert haben, ist bekannt. Wer es trotzdem tut, wird es dereinst büssen: Die Kleinen fordern dann bald einen Kunstpreis für jeden braunen Klecks in der Kloschüssel.

Die Stadt Zürich kümmert das nicht, sie spricht auch mit der erwachsenen Bevölkerung so. Und zwar auf ihren neuen Recyclingbehältern, dank derer es jetzt auch an öffentlichen Orten wie in Parkanlagen möglich ist, den Abfall säuberlich zu trennen, nach Aludosen, PET-Flaschen und Restmüll. Und damit die abfallproduzierende Öffentlichkeit dieses neue Angebot auch wirklich kapiert, sind die unförmigen Boxen mit einem absurd gönnerhaften Slogan versehen: «Sie treffen ja wie ein*e Weltmeister*in.»

Abfalltrennung, inklusiv dank Genderstern: alles sehr vorbildlich, im Prinzip. Aber leider trotzdem kontraproduktiv, wenn man erwachsene Menschen zwar einerseits siezt – und dann andererseits doch meint, sie mit falschen Komplimenten, die man sich schon bei Kindern verkneifen sollte, zu einer eigentlich selbstverständlichen kleinen Alltagshandlung überreden zu müssen.

Es ist auch eine Frage der Selbstachtung: Ich, ein Weltmeister? So ein Quatsch! Wer angesichts einer solchen Anrede noch brav sein Fläschli ins richtige Löchli wirft, hat sein Bewusstsein als mündiges Subjekt schon längst kompostiert. Und wer umgekehrt noch einen Rest Würde in sich trägt, schmeisst seinen Müll erst recht ungetrennt irgendwo ins Aus statt in den Basketballkorb, der sowieso keiner ist.

Ziemlich kindisch? Stimmt natürlich. Aber wer die Leute nicht wie Erwachsene anspricht, muss sich nicht wundern, wenn sie sich dann auch wirklich wie kleine Kinder benehmen.

Anders in der Romandie: Dort wird vielerorts die Kehrichtabfuhr weggespart. Heimliche Devise: «Sie entsorgen ja wie ein Profi!»