Kost und Logis: «Mama, bitte lern Deutsch»

Nr. 50 –

Karin Hoffsten erfährt viel über unterschätzte starke Mütter

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Für eine Lesung ist die Atmosphäre ungewöhnlich: Gegen tausend junge Menschen warten im Zürcher Volkshaus, flirrende Vorfreude liegt in der Luft: Tahsin Durgun kommt! Der hat im letzten Jahr das Buch «Mama, bitte lern Deutsch» veröffentlicht, und weil er nicht nur Autor, sondern auch Content Creator und Tiktoker ist, wird an diesem Abend nicht nur gelesen, sondern auch stürmisch performt.

«Mama, bitte lern Deutsch» ist kein Roman, sondern die reale Geschichte von Durguns Familie und insbesondere seiner Mutter: nicht weil die so eine exotische Person ist, sondern «die schüchterne, aber freundliche Frau, die abends das Büro putzt», eine, wie wir sie garantiert alle schon getroffen und die wir meistens ignoriert haben.

Für mich ist «Mama, bitte lern Deutsch» eine der wichtigsten Publikationen der letzten Jahre. Es ist Liebeserklärung, Plädoyer, Reportage und gesellschaftliche Analyse in einem und sehr witzig. Mit bissigem Humor klärt Durgun über die Lebenssituation auf, mit der sich eingewanderte Arbeitskräfte und ihre Kinder überall in Mitteleuropa konfrontiert sehen, hier am Beispiel von Deutschland.

Seine Eltern kamen als kurdische Jesid:innen aus der Osttürkei, eine Gruppe, deren Mitglieder wegen ihrer Religion noch immer verfolgt und ermordet werden. Er schreibt: «Die Erfahrung von Angst, Ausgrenzung und Ausweglosigkeit sind Teil der DNA unserer Familie.» Auch in Oldenburg, wo er aufwuchs und mit vierzehn Jahren ausgeschafft werden sollte, weil kein Asylgrund mehr bestehe. Der titelgebende Satz «Mama, bitte lern Deutsch» platzt aus dem jugendlichen Tahsin heraus, als seine Mutter ihn wieder einmal bittet, etwas zu übersetzen – wie schon gefühlt tausend Male zuvor: beim Arzt, bei der Ausländerbehörde. Beschämt hört er ihre Erklärung, weshalb sie immer noch nicht richtig Deutsch spricht.

Im Roman «Geliebte Mutter. Canım Annem» von WOZ-Redaktorin Çiğdem Akyol (siehe WOZ Nr. 40/24) stosse ich aufs gleiche Thema. Die Protagonistin, Tochter eines türkischen Ehepaars, das wegen der Arbeit ins deutsche Herne auswanderte, beschreibt es so: «Schon als Fünfjährige kam es mir so vor, als hätten wir die Rollen getauscht. Wir Kinder sprachen perfektes Hochdeutsch und mussten für euch übersetzen.» Diese Erfahrung teilen wohl alle Kinder migrantischer, fremdsprachiger Familien.

Obwohl sich Akyols Roman in Inhalt und Form völlig von Tahsin Durguns Geschichte unterscheidet, berühren beide Bücher stark und vermitteln vor allem eine Erkenntnis: Ihre persönliche Bildung und Entwicklung verdankt die zweite Einwanderungsgeneration auch der Entschlossenheit und der harten Arbeit ihrer Mütter.

«Um an einer Gesellschaft teilhaben zu können, ist Lesen und Schreiben das Mindeste», schreibt Tahsin Durgun. Sagt es deshalb unbedingt weiter: Beim Verein Solinetz bieten Freiwillige Deutschkurse an (solinetz-zh.ch) – kostenlos und für alle!

Beide oben genannten Bücher empfiehlt Karin Hoffsten als Weihnachtsgeschenk für Lehrer:innen, Behördenmitglieder, Verkäufer:innen, Postbeamte, jede andere Berufsgruppe und überhaupt alle fühlenden Menschen.