Kunst: Gespenster bringen Licht ins Dunkel

Nr. 50 –

Spukts im Museum? Eine Ausstellung in Basel spürt dem Übernatürlichen in der Kunst nach. Sehr geordnet, diese Heimsuchung.

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Gemälde «The Phantom Hunter» von William Blair Bruce: eine Person begegnet einem Geist auf einem verschneiten Berg
Unheimliche Begegnung: «The Phantom Hunter» von William Blair Bruce, 1888. Foto: Art Gallery of Hamilton

Ganz falsche Einstellung für diese Ausstellung: Da spinnt eine Lampe, wo bleibt der Elektriker?

Flackernde Leuchten von Philippe Parreno weisen den Weg zur Ausstellung, unterwegs steht eine schlanke Erscheinung aus weissem Kunststoff mitten im Raum, vor ihr auf dem Boden eine verspiegelte Fläche als Simulation von Blut. («Gespenst und Blutlache» heisst, ganz lapidar, diese Installation von Katharina Fritsch.) Das erste Gespenst jedoch, das uns dann leibhaftig begegnet, ist eine von uns: eine Besucherin, die auf der halb spiegelnden Glasfront erscheint, die diagonal im Raum steht. Wir sehen durch sie hindurch, als sei sie gleichzeitig da und nicht da. Aber wo ist sie wirklich? Pepper’s Ghost heisst dieser Spiegeltrick aus dem 19. Jahrhundert, ein verblüffend simpler Special Effect, der seinerzeit bald auch im Kino für täuschend echten Spuk sorgen sollte.

Es ist ein stimmiger Auftakt zu dieser thematischen «Geister»-Schau im Kunstmuseum Basel. Die kuratorische Fantasie allerdings bleibt in der Folge doch sehr überschaubar. Geister oder ganz allgemein übernatürliche Phänomene stellen ja immer auch die geltende Ordnung infrage. Sie hebeln scheinbar die herrschenden Gesetze der Natur oder der Vernunft aus, und sie weisen darauf hin (Hamlet!), dass etwas faul und die Zeit aus den Fugen ist. So ist jede Heimsuchung immer auch ein Memento: Etwas gibt keine Ruhe und erinnert daran, dass etwas noch nicht abgeschlossen, nicht bewältigt ist.

Was quillt da aus dem Mund?

Insofern ist das eine zwar überaus reichhaltige, aber auch zu chronologische und fast schon zwanghaft wohlgeordnete Ausstellung. Gar nicht gespenstisch: Hier ist alles an seinem Platz. Nach einem Raum mit klassischen Geisterdarstellungen von «Hamlet» bis «Erlkönig» – oft sind es die Gespenster, die hier Licht ins Dunkel bringen – geht es weiter mit obskuren Zeugnissen des aufkommenden Medienzeitalters. Wobei das zwielichtige Gewerbe derer, die als Medien angeblich mit dem Jenseits in Kontakt treten, durch die neuen technischen Medien nicht etwa überflüssig gemacht wird. Im Gegenteil, die Fotografie gibt ihnen ein neues Werkzeug zur Hand, mit dem sich ihre spiritistischen Umtriebe durch Geisterfotografie vermeintlich beglaubigen lassen.

Ist das noch Parapsychologie oder schon Surrealismus? Die Frage liegt nahe, wenn man sich die faszinierenden fotografischen Studien von Albert Freiherr von Schrenck-Notzing (1862–1929) anschaut: Hier eine ominös leuchtende Spule, die scheinbar im Raum schwebt, da ein Mensch, dem eine darmähnliche («teleplastische») Ausstülpung aus dem Mund quillt. Der nächste Raum widmet sich dann spiritistischen Zeichnerinnen, die für ihre Zeugnisse von drüben keine technischen Apparate nötig hatten. Sie sahen sich auch nicht als Künstlerinnen, sondern als Transmitter, wobei ihre Körper quasi als Aufschreibemaschinen für die Botschaften dienten, die sie empfangen haben wollten. Heute assoziiert man diese Bilder unweigerlich mit jenem technischen Medium für Ferngespräche, das damals, als es noch neu war, auch etwas Gespenstisches hatte: Sehen diese psychedelisch wuchernden Zeichnungen nicht aus wie Telefonkritzeleien höheren Grades?

Schatten an der Wand

Dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, wie das Sigmund Freud später formulieren sollte, dass es also in den Korridoren des Bewusstseins auch spuken kann: Diese Erkenntnis der Dichterin Emily Dickinson markiert dann den Übergang zur neueren Kunst. Dabei fällt auf, dass das Okkulte hier vor allem als ironisches Zitat wiederkehrt, manchmal auch unverblümt als Parodie. Sehr lustig, wenn in einer spiritistischen Bildserie von Anna und Bernhard Blume nicht mehr sogenanntes Ektoplasma aus den Körpern quillt, sondern Styropor aus dem Kochtopf wächst. Oder wenn Sigmar Polke mit seiner rudimentären Schaltzentrale einen direkten telepathischen Draht zu William Blake behauptet.

Fürs gewerbsmässige Gruseln ist ja längst das Kino zuständig, wie ein etwas liebloser Zusammenschnitt aus allerhand Geisterfilmen am Eingang zur Ausstellung alibimässig vor Augen führt. Die Kunst dagegen lacht dem metaphysischen Spuk gerne dreist ins Gesicht und treibt ihre absurden Spässe damit – oder sie verniedlicht es wie Angela Deane, die herzige kleine Geistlein auf alte Fotos pinselt. Die lassen sich auch prima kommodifizieren, wie man spätestens im Museumsshop merkt.

Viel gespenstischer wirkt da eine Installation, die gerade nicht auf einen phantasmatischen Spuk verweist, sondern vom Realen her gedacht ist. «Desvestidos» heisst diese Arbeit von Claudia Casarino, die mit minimalen Mitteln einen Assoziationsraum rund um das traumatische Fortwirken sexueller Gewalt eröffnet. An unsichtbaren Fäden schwebt hier eine Reihe von hauchzarten Kleidern aus Tüll, und die Schatten, die sie an die Wand werfen, entfalten mehr Präsenz als das durchsichtige Material selbst. Kein Gespenst, das hier umgeht, nur leerer Stoff. Eine textile Heimsuchung, die lautlos daran erinnert: Etwas ist nicht in Ordnung.

«Geister. Dem Übernatürlichen auf der Spur». Kunstmuseum Basel. Bis 8. März 2026.