Sachbuch: Mit lustvoller Feindseligkeit

Nr. 2 –

Alte Auslöschungsfantasien neu lanciert: In einem konzisen Essay geht die Historikerin Dagmar Herzog einem Merkmal der AfD auf den Grund, das bisher wenig Beachtung gefunden hat.

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heruntergerissenes AfD-Wahlplakat in Berlin
Libidinöse Energien: AfD-Wahlplakat in Berlin, 2017. Foto: Imago

«Was wir uns künftig nicht mehr leisten können», lautete die Überschrift einer Kolumne, die die ehemalige deutsche Familienministerin Kristina Schröder kürzlich in der deutschen Tageszeitung «Die Welt» veröffentlichte. Nachdem Deutschland 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen ratifiziert und sie in einer Reihe von Gesetzen umgesetzt hat, haben Menschen mit Behinderungen das Recht, mit einer Assistenzperson ihrer Wahl zu leben. Schröder erklärte, dies sei zwar wünschenswert, aber leider, leider für die Kommunen bald nicht mehr bezahlbar – es sei denn, die Deutschen seien bereit, mehr und länger zu arbeiten. So schürt man Ressentiments.

Inklusion zurückdrehen

Schröder ist Mitgründerin und stellvertretende Leiterin der Denkfabrik Republik21, die – seit kurzem staatlich gefördert – daran arbeitet, die sogenannte Brandmauer zur AfD einzureissen, also einer Zusammenarbeit der rechtsextremen Partei mit der Union den Weg zu ebnen. Die AfD wiederum, daran erinnert die deutsch-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog in ihrem in Buchform erschienenen Essay «Der neue faschistische Körper», hetzt schon lange gegen Menschen mit Behinderungen und insbesondere gegen den inklusiven Besuch von Regelschulen durch behinderte Kinder und Jugendliche.

Was bei Schröder im Gewand nüchterner haushaltspolitischer Erwägungen daherkommt, manifestiert sich bei der AfD in einer ganz unverhohlenen, geradezu lustvollen Feindseligkeit gegenüber Schwächeren. Herzog zitiert einen Politiker der Partei, der erklärte, Kinder mit Downsyndrom dürften nicht in Regelschulen unterrichtet, sondern müssten von den anderen Kindern getrennt werden, so wie man es mit Patient:innen mit schwer ansteckenden Krankheiten in Spitälern mache. Der AfD-Abgeordnete Markus Frohnmaier warb 2018 mit dem Spruch «Leistungsprinzip statt Inklusion und Kuschelunterricht!» für seine Partei.

Die (noch längst nicht vollendete) Inklusion von behinderten Menschen zurückzudrehen, ist hier nicht nur eine Frage des Geldes und der Verteilung, sondern bedient libidinöse Energien, eine Lust an Grausamkeit, die, das zeigt Herzog en détail, bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht und im Nationalsozialismus ihre extremste Ausprägung erfuhr. Herzog geht damit einem Merkmal der AfD historisch auf den Grund, das bisher vergleichsweise wenig Beachtung gefunden hat. Was in «Der neue faschistische Körper» essayistisch prägnant daherkommt, verdankt sich der jahrzehntelangen Beschäftigung der Historikerin mit der Geschichte der Sexualität und der Eugenik im 20. Jahrhundert – ihr Buch «Die Politisierung der Lust» (2005) kann als moderner Klassiker gelten.

Nur in der Fantasie

Bereits in den 1890er Jahren wurde es salonfähig, die Tötung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder psychiatrischen Erkrankungen zu befürworten. In den Schriften des Biologen Alfred Ploetz, der den Begriff der «Rassenhygiene» prägte, verschmolz tödliche Boshaftigkeit mit libidinöser Erregung. Indem es seine schwachen Mitglieder töte, fantasierte Ploetz, werde ein Volk schön, stark und klug. Mit der als schmählich empfundenen Niederlage im Ersten Weltkrieg erhielten solche Fantasien Auftrieb und eine kompensatorische Funktion. Das eigene Volk hatte versagt, eine «Herrenrasse» existierte nur in der Fantasie und musste folglich mit Gewalt hergestellt werden. Selbst kirchliche Organisationen hatten solch menschenfeindlicher Ideologie wenig entgegenzusetzen: Das aus ihrer Sicht gewichtigste Argument gegen Zwangssterilisationen, das Vertreter:innen der protestantischen Inneren Mission vorbrachten, war, dass Frauen dann keinen Grund mehr hätten, sexuell enthaltsam zu leben.

Auch in dem, was sie «sexy Rassismus» nennt, findet Herzog Gemeinsamkeiten zwischen der AfD und den Nazis. Die AfD beruft sich einerseits auf traditionelle Familienwerte, zeigt aber andererseits augenzwinkernd barbusige weisse Frauen auf Wahlplakaten und in den sozialen Medien. Gleichzeitig schürt sie Ängste vor Vergewaltigungen durch nichtweisse Männer. Herzog erkennt hier deutliche Parallelen zur Propaganda der Nazis und den schlüpfrig-antisemitischen Karikaturen des «Stürmers».

Zentral für die Analyse ist das «trianguläre Spannungsfeld» zwischen Jüdinnen und Juden und Christ:innen. Die nationalsozialistische Propaganda dämonisierte «jüdischen» Sex, verachtete aber gleichzeitig die konservative Sexualmoral der Kirchen, was die Nazis nicht davon abhielt, christliche Begriffe von «Schuld» und «Sünde» antisemitisch zu instrumentalisieren. Ein giftiger Antisemitismus war der rote Faden, der sowohl in Aufrufen zur Keuschheit als auch in ihrem Gegenteil und allem, was dazwischen lag, zu finden war.

Eine besonders extreme Partei

Unklar bleibt, inwiefern die beschriebenen Phänomene spezifisch deutsch sind. Ist wirklich keine andere Partei des rechten Spektrums weltweit so extrem behindertenfeindlich wie die AfD? Angesichts der unverhohlen sozialdarwinistischen Rhetorik des amerikanischen Gesundheitsministers Robert F. Kennedy erscheint dies zumindest fraglich. Herzog verweist selbst auf einschlägige Äusserungen von Donald Trump, der sich schon 2015 aggressiv über die Gelenkkontrakturen des an Arthrogryposis leidenden Journalisten Serge Kovaleski lustig machte. Über seinen eigenen, mit schweren Beeinträchtigungen lebenden Grossneffen sagte Trump, es sei vielleicht besser, wenn «diese Leute» stürben. Die historischen deutschen Spezifika, auf die Herzog verweist, wiegen gleichwohl schwer. Dies betrifft die schon in der Zwischenkriegszeit einflussreiche Idee, dass eine Fürsorgekrise durch die «Eliminierung» von auf Fürsorge angewiesenen Menschen zu lösen sei, aber auch die masslosen Übertreibungen, mit denen man damals das vermeintliche Problem einer geschwächten Nation ausmalte.

Es gibt so allein aus historischer Sicht guten Grund zu glauben, dass die AfD im europäischen Vergleich eine besonders extreme Partei ist. Doch auch jüngere Entwicklungen geben Herzog recht. Während andere rechte Parteien zumindest nach aussen hin um Mässigung bemüht sind – man denke etwa an Marine Le Pens erklärte Strategie der «Entdiabolisierung» oder an Giorgia Melonis Kooperationsbereitschaft auf europäischer Ebene –, gilt dies für die AfD gerade nicht. Im Gegenteil: Von der eurokritischen Professor:innenpartei der Gründungszeit ist kaum noch etwas übrig. Versuchten frühere Parteivorsitzende wie Frauke Petry und Jörg Meuthen, den Einfluss der Rechtsextremen um den Thüringer Björn Höcke zurückzudrängen, gibt es seit dem Parteitag von 2022 keine Höcke-Gegner mehr im Präsidium. Die Partei gilt laut Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem, bei der Bürgermeisterwahl im sächsischen Meissen ging kürzlich ein ehemaliges Mitglied der rechtsextremen NPD für die AfD an den Start. Geisteshaltungen und Ideologien der NS-Zeit bestanden und bestehen fort. Gut, dass Dagmar Herzog daran erinnert.

Buchcover von «Der neue faschistische Körper»
Dagmar Herzog: «Der neue faschistische Körper». Aus dem Englischen von Lisa Jay Jeschke. Verlag Wirklichkeit Books. Berlin 2025. 124 Seiten.