Ein Traum der Welt: Vertrauen am Nullpunkt

Nr. 4 –

Annette Hug steckt in einer Spesenverschlingung

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Während der US-Präsident Worte entwertet und sich jede Bedeutung zu verflüchtigen droht, bin ich damit konfrontiert, dass Quittungen in der Post verloren gegangen sind. Das bringt eine Angestellte in Manila in Bedrängnis, denn ihr Vorgesetzter gibt sich mit den Scans nicht zufrieden. Die könnten ja gefälscht sein.

Die Angestellte steckt in einem Apparat der Tatsachenbestätigung, der immer neue Ansprüche generiert. Dabei geht es um 230 Euro Essensentschädigung für fünf Tage Buchmesse in Frankfurt im Oktober 2025. Weil der Betrag knapp berechnet war, deckten sich die meisten Teilnehmer:innen der philippinischen Delegation im Aldi mit Keksen und Getränk ein.

Wir mussten aber alle einzeln beweisen, dass wir die Entschädigung tatsächlich für Essen und Trinken verwendet hatten. Genaue Regeln fürs Aufkleben der Quittungen wurden ausgegeben: für die Erfassung jedes Kaffees, jeder Nudelsuppe nach täglich aktualisiertem Umrechnungskurs Peso zu Euro. Der Prozess hiess «Liquidation», er war von unterschiedlich aufgesetzten Formularen zur Dokumentation der Tätigkeiten und Erkenntnisse im Dienste der Delegation begleitet.

Auch die nationale Bücherbehörde steht unter Druck. Seit September finden in Manila wie in mehreren asiatischen Ländern Demonstrationen gegen Korruption statt. Student:innen marschieren in Demokolonnen aus den Universitäten ins Stadtzentrum. Millionen von Steuergeldern, die der Katastrophenvorsorge gewidmet waren, sind in privaten Taschen von Behördenmitgliedern und Baufirmen verschwunden. Jetzt übertrumpfen sich politische Clans im Versuch, durch Antikorruptionsverfahren ihre Gegner:innen zu Fall zu bringen.

Die Zwickmühle, in der sich meine Auftraggeber:innen befinden, ist nachvollziehbar. Ihr Kontrollaufwand ist riesig, kostet wohl mehr als die Spesenentschädigung selbst, aber auch in dieser Behörde steht der Verdacht auf Korruption im Raum. Er durchdringe eigentlich alles, sagt ein Bekannter aus der Finanzbranche. Das sei eben eine «low trust economy». Also: Keiner traut dem anderen über den Weg. Vertrauen ist ein seltenes Gut.

Im Kontrast dazu wird deutlich, wie viel effizienter ein Verfahren laufen kann, wenn Leute davon ausgehen, dass die anderen an längerfristigen Beziehungen interessiert sind und normalerweise nicht betrügen. Dass sie nach «Treu und Glauben» handeln, wie es im Schweizer Zivilgesetzbuch heisst. Das Salbungsvolle dieser Formulierung klingt plötzlich angemessen, wenn ich mir vorstelle, überall könnten mächtige Player täglich die Regeln ändern, Geschäftspartner austricksen, Ämter plündern, schon sehe ich Amtschefs, die im eigenen Furz göttliche Trompeten hören, in halbschlafenen Gedanken das höchste Gesetz. Gegen sie wäre der totale Kontrollapparat machtlos, weil man nicht die Hälfte der Bevölkerung zum Justizdienst abkommandieren kann, um eine Flut von Gerichtsklagen gegen wildernde Akteur:innen zu stemmen. Wenn dann Klagen auch noch dazu missbraucht würden, finanzschwächere Gegner:innen in nutzlosen Verfahren ausbluten zu lassen, dann würde die Justiz ein grotesker Apparat, der jede Regung erdrückt, die sich nicht von vornherein im Geheimen abspielt.

Aber heute müsste ich eigentlich nur das Problem einer kleinen Spesenabrechnung lösen.

Annette Hug ist Autorin und Übersetzerin in Zürich. Sie ist international tätig.