Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

«Man schiesst nicht einfach so drei Mal»

Lauren wurde hingerichtet, als sie ein Taxi bestieg: Ein Kollateralschaden im «Krieg gegen die Drogen»? Der philippinische Autor Jose Dalisay, zu dessen Familie Lauren gehörte, kann niemanden beschuldigen – und flüchtet aus Angst in Metaphern.

Von Jose Dalisay, Manila

Es muss ein Zeichen der Zeit sein, dass ich über eine Woche gebraucht habe, um mich zu entscheiden, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Die Gründe dafür sind jedem einsichtig, der die letzten Monate auf den Philippinen erlebt hat. Mehrere Hundert haben sie nicht überlebt – sie sind der blutigen Verfolgung zum Opfer gefallen, die angeblichen Drogendealern und -süchtigen gilt. Vom neuen Regime wird die Jagd anscheinend abgesegnet, wenn nicht sogar gefördert.

Wahrscheinlich war es nicht schlecht, dass ich gewartet habe. So konnte ich mich etwas beruhigen, aber auch die Gedanken ordnen und versuchen, den Blick über die persönliche Trauer und Wut hinaus auf eine viel grössere Tragödie zu richten.

Kein Motiv für die Tat

Meine Frau Beng und ich waren gerade in San Diego, da erreichte uns die Nachricht, dass Lauren Kristel Rosales, die Freundin von Bengs Neffen Gab, von einem Mann erschossen worden war, als sie auf dem Weg zur Arbeit ein Sammeltaxi bestiegen hatte. Online fanden wir ein Bild von Lauren, die im Innern des Jeeps zu Boden gesunken war, ihre Handtasche fest in den Händen. Es hat mir das Herz gebrochen wie noch kein Bild zuvor. In meiner Zeit als Polizeireporter hatte ich schrecklichere Szenen des Verbrechens gesehen, aber jetzt war es persönlich; da war eine Frau, die wir kannten und mochten, die uns ab und zu besucht hatte und am Weihnachtsessen dabei gewesen war. Aus den Familienferien flogen wir nach Hause zur Beerdigung.

Der Mörder von Lauren kam davon, ohne identifiziert zu werden; ein Motiv für die Tat liegt nicht vor. Doch es fällt schwer, sie nicht ins Kontinuum der täglichen Morde einzureihen – meistens werden junge Männer aus Armenvierteln getötet: Die Polizei behauptet dann einen Zusammenhang mit Drogen, ohne Verantwortung für die Tat zu übernehmen.

Tatsächlich stellte das Boulevardblatt «Abante» Laurens Mord in den Kontext sechs weiterer Liquidationen vom gleichen Tag, ohne einen Beweis zu liefern. Die Opfer stünden auf der Drogenhändlerliste der Polizei von Manila, hiess es.

Doch Lauren war auf keinen Fall im Drogenhandel aktiv. Die 26-Jährige genoss ihre Karriere als Direktionsassistentin einer führenden Nahrungsmittelfirma. Ihre einzige Sucht sei koreanischer Pop gewesen, besonders die Boygroup F4, hatte sie einem Neugierigen verraten. Sie hatte gespart, um nach Taiwan an ein Konzert zu fliegen; und sie hatte begonnen, Koreanisch zu lernen.

War sie also ein Kollateralschaden des allzu wörtlich genommenen Kriegs gegen die Drogen? Ich bin nicht sicher, ob aussergerichtliche Tötungen wirklich das Thema dieses Artikels sind, denn niemand weiss, zumindest bis jetzt, wer Lauren erschossen hat und warum. Dass sie in voller Absicht getötet wurde, scheint klar – man feuert nicht einfach so drei Schüsse auf eine Person. In den sozialen Medien kursierte das Gerücht, dass die Tötung von Lauren ein weiterer Fall von «mistaken identity» war – was aber nur die Frage aufwirft, ob es in dieser Sache eine «richtige Identität» gibt, eine offizielle Liste, von der die tägliche Quote abgearbeitet wird.

Natürlich können wir niemanden beschuldigen. Wir mögen einen Verdacht haben, aber es gibt keinen Beweis, und der Atemzug, mit dem wir jenen Namen aussprechen, könnte unser letzter sein. Wir befinden uns in der seltsamen Position, dass wir Laurens MörderInnen mit einer Unschuldsvermutung begegnen, die sie ihr nicht gewährt haben. Wenig überraschend wissen die Behörden nichts.

Wenn es einen Krieg der Worte gibt

In dieser Grauzone von Trauer, Wut und Angst sind wir nicht allein. An Laurens Totenwache stauten sich die Trauernden, einige hatten ähnliche Geschichten zu erzählen. Wir konnten uns ein halbes Dutzend weiterer Totenwachen vorstellen – etwa jene von Laurens unwahrscheinlichen Kumpanen aus dem Boulevardbericht –, alle in derselben Stadt, derselben Nacht. Ein Toter lag vielleicht am Strassenrand unter der Zeltplane, die ihm im Leben als Behausung gedient hatte, daneben ein Kartenspiel. Eine andere Leiche vielleicht stadtauswärts in einem düsteren Beerdigungsinstitut, wo nur die Mutter und eine schniefende Schwester über sie wachten.

Ich frage mich, was mit den anderen ist, über die kein Porträt im «Esquire»-Magazin erscheint, mit Informationen über ihre Vorlieben und ihre Familie.

Um es offen zu sagen: Hier geht es um soziale Klassen. Wie viele andere auch fühlte ich bisher kaum eine Verbindung zu den tätowierten, mit Klebeband umwickelten, bis zur Anonymität entstellten Leichen, die ans Ufer des Pasig gespült werden. Trauer und Empörung suchen sich ihren Anlass aus, selbst wenn ohne Rechtfertigung getötet wird – bis der Tod eine immer vertrautere Erscheinung wird, die nicht nur die billigen Drogenschuppen und düsteren Gassen heimsucht, sondern die Internetcafés, die Einkaufszentren in den Vorstädten und die Korridore der Universitäten.

Klein ist der Schritt vom Krieg gegen Drogen zu einem Krieg der Worte, von einem Krieg gegen den Terror zu einem terroristischen Krieg, der von der gefährlichsten und potentesten Droge angetrieben wird, jenem Fieber, das Macbeth zu wahllosem Morden anstiftete.

Das letzte Versteck

Wenn ich in Rätseln spreche, dann deshalb, weil die Metapher vielleicht bald unser letztes Versteck sein wird. Oft habe ich den grimmigen Witz erzählt, dass in diesem Land nur JournalistInnen erschossen werden, aber keine Dichter oder Romanautorinnen (jedenfalls nicht seit der Hinrichtung von José Rizal im Dezember 1896). Denn die schwerfällige Prosa und Lyrik, die wir hier lehren, wird von Politikerinnen und Generälen nicht gelesen. Aber jetzt schreibe ich keinen Roman. Oder doch?

Dies ist «nonfiction» der schlimmsten Art, ein Albtraum im Wachen, aus dem wir offenbar nicht ausbrechen können. Lauren war nicht der einzige Kollateralschaden dieser Offensive, auch die innere Ruhe der BürgerInnen ist dahin. Du zuckst zusammen, wenn ein Unbekannter vor deiner Tür steht oder wenn du ihn im Rückspiegel erblickst. Lauren haben wir kremiert. Doch die Lebenden finden keinen Frieden.

Aus dem Englischen von Annette Hug.

Rodrigo Duterte

Der erbarmungslose «Krieg gegen die Drogen»

Der Rechtsstaat war auf den Philippinen auch bisher löchrig. Doch seit seinem Amtsantritt am 30. Juni führt Präsident Rodrigo Duterte einen «Krieg gegen die Drogen», der sich in einer neuen Dimension bewegt. Seit Juni sind nach Angaben der nationalen Polizei (PNP) rund 3000 Menschen «im Zusammenhang mit Drogen» erschossen worden, die Hälfte davon direkt von der Polizei, die andere Hälfte fiel offenbar schwer fassbaren Gruppen zum Opfer. Der Präsident hat auch die BürgerInnen aufgerufen, sich an der Offensive zu beteiligen, Soldaten und Polizisten verspricht er Straffreiheit.

Rodrigo Duterte war jahrelang Bürgermeister der Millionenstadt Davao auf der südlichen Insel Mindanao. Dort erwarb er sich den Ruf, im Alltagsleben eine gewisse Ordnung zu etablieren und die Korruption effektiv bekämpfen zu können. Auch in Davao war er für seinen Kampf gegen den Drogenhandel berüchtigt, den er mithilfe von Todesschwadronen führte.

Zum Präsidenten wurde Duterte gewählt, ohne eine eigene Partei oder politische Bewegung hinter sich zu haben. Über soziale und andere Medien konnte er knapp 40 Prozent der Stimmenden überzeugen, dass er einen Wandel hin zu Sicherheit und Wohlstand würde herbeiführen können. Das reichte zum Sieg. Nach hundert Tagen im Amt lagen seine Popularitätswerte zwischen 76 und 86 Prozent, je nach Umfragefirma.

Wohin die Wirtschaftspolitik der Regierung führen soll, ist noch nicht deutlich geworden. Wie ernst es dem Präsidenten damit ist, sich aussenpolitisch von den USA ab-, dafür China und Russland zuzuwenden, ist unklar. Mit der kommunistischen Allianz NDF (National Democratic Front) und ihrem bewaffneten Arm, der New People’s Army (NPA), hat Rodrigo Duterte Friedensverhandlungen aufgenommen. Bereits wurden drei Ministerposten mit VertreterInnen der NDF besetzt. Die KommunistInnen kritisieren zwar öffentlich die Verletzung der Menschenrechte im «Krieg gegen Drogen», besonders in den Armenvierteln, aber die Zusammenarbeit im Kabinett geht weiter.

Feministische Gruppen haben mit Internetkampagnen gegen die Schleifung des Rechtsstaats und den brachialen Sexismus protestiert, mit dem eine Senatorin aus dem Umfeld des ehemaligen Präsidenten Benigno Aquino attackiert wird, die eine Untersuchung der Mordserie begonnen hat. In den sozialen Medien ist eine bisher ungekannte Wucht persönlicher Hasstiraden und Drohungen gegen Duterte-KritikerInnen zu beobachten. Im September fanden in Manila Mahnwachen und Kundgebungen statt, die von kirchlichen Kreisen und Universitäten organisiert wurden. Mit Kerzen in der Hand forderten DemonstrantInnen: «All lives matter» – jedes Leben hat einen Wert.

Die politischen Zuordnungen werden immer schwieriger. Was diese Regierung wirklich ist, scheint noch niemand genau zu wissen. Ist sie eine Diktatur neuen Typs – wie sie Amerika unter Donald Trump bevorstehen könnte? Oder ist sie Ausdruck einer amorphen Volksbewegung, die sich von den Misserfolgen der demokratischen Regierungen im Kampf gegen die Armut nährt? Oder doch nur eine kurzlebige, fragile Allianz von KP und Wahnsinn?

Annette Hug

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