Wichtig zu wissen: Pay the bill

Nr. 6 –

Ruedi Widmer über den Schutzpatron, die Aufarbeiterschaft und «SRF bi de Private»

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Wer vor Jahren in die Putin- oder Coronaleugner:innen-Internetblase versunken ist, kann natürlich weltanschaulich mit einem noch so neutralen SRF-Programm nichts anfangen und fühlt sich bei Thomas Matters «Nebelspalter-TV» oder was auch immer besser aufgehoben. Das kann ich gut nachvollziehen, und das ist auch in Ordnung.

Doch ist das unsere Schuld? Warum soll diese kleine Minderheit Einfluss darauf haben, was die grosse Mehrheit zu schauen hat? Sie schaut ja freiwillig kein SRF mehr. Als ich in den Neunzigern lieber MTV einschaltete als SRF, wäre es mir doch nicht in den Sinn gekommen, das gross an die Glocke zu hängen und zu sagen: Ich zahle keine Billag mehr. Ich kann nicht verstehen, warum das diskutiert oder in Neusprech «aufgearbeitet» werden muss.

Bei der Halbierungsinitiative frage ich mich auch, warum eigentlich «die Privaten» nicht schon heute Fernsehen machen, wenn sie es besser können. Es gibt ja viele Privatsender, die nicht mal mit ihren Serafe-Gebühren ein Programm hinbekommen, das diesen Namen verdient (dass alle Privatsender auch Serafe bekommen, weiss nur eine Minderheit der Stimmenden).

Ich erwarte eher, dass die privaten Initiant:innen schliesslich die ganze Infrastruktur von SRF übernehmen, die «Zwangsgebühren» verdreifachen und damit ihr rechtes Programm machen (wenn du nicht zahlst, klopft ICE oder TGV oder Spuhlers Stadlerzug «Giruno» an die Tür). In seriösen Bananenrepubliken werden Fernsehsender von den Rebellen mit Waffengewalt eingenommen, in der Schweiz macht man das auf postdemokratischem Weg.

Vor einigen Jahren war für die Rechte Pädophilie das grosse Thema. Sie bezichtigte Hillary Clinton, Pizzas mit Kinderblut zu servieren, Rechtsextreme traten vor die Häuser vermuteter Kinderschänder und trommelten, die Grünen der Siebziger wurden teils zu Recht moralisch delegitimiert, und eine SVP-Initiative mit Natalie Rickli ist mir auch noch schwach in Erinnerung.

Aber seit die grosse Machtübernahme mit dem orangen Bruder als globalem Schutzpatron lockt, ist alles anders. Auf Musks X stellen Fake-Accounts das Schutzalter infrage, denn gesunde Männer wie Altprinz Andrew können schon Vierzehnjährige schwängern, das sei Natur und so weiter. Der einst böse Bill Gates gehört nun auch zu denen, die einfach ihren völlig normalen natürlichen Trieben folgen (Naturschutz), auch Hillarys Bill. Anders ist es, wenn Nichtweisse pädophilieren.

Doch der akute Präsident bringt seinen Triumphbogen nicht mehr hoch und hat mit alledem eh nichts zu tun.

Hat man eigentlich die Einwohner:innen von Egerkingen mal gefragt, was sie davon halten, dass sich Private «Egerkinger Komitee» nennen dürfen? Klar, ich wurde auch nie gefragt, ob ein privater Verein sich «FC Winterthur» nennen darf, aber es störte mich nie, ich wurde sogar Fan. So wird das auch mit den Egerkingerinnen sein. Hier auch die Frage, ob die Egerkinger nicht schon 900 nach Christus mit ihren Schiffen Grönland angefahren haben und so das Recht haben, dieses dem Kanton Solothurn zuzuschanzen.

«Egi und die starken Männer» heisst übrigens die Polittrickfilmserie mit Anian Liebrand – aktuelle Folge ist die Initiative «Verbot von Kopftüchern an Schulen». Ob hier wieder die Unterschriftenfirmen aktiv werden, deren Tun demokratiepolitisch übrigens nicht «aufgearbeitet» ist, sondern bereits von vielen weiteren Skandalen überdeckt wurde, ganz so wie der Eispanzer die Bodenschätze von Grönland unter sich begraben hält?

Mir wäre die Volksinitiative «Verbot von narzisstischem Selfieposing in der Stadler-S-Bahn» übrigens lieber, weil sich eine solche Szene gerade vis-à-vis von mir abspielt. Aber als Nichtselfist bin ich in der Minderheit, und ich lasse die Person unbescholten weiterselfen.

Ruedi Widmer ist Zwangswinterthurer und Cartoonist.