Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Das SRF-Kriegsprogramm

Ruedi Widmer über die Machtfrage und RTL / SAT 1

Von Ruedi Widmer

Fassungslos und entfremdet stehen wir SchweizerInnen voreinander wie Katalaninnen und Spanier, wie Republikaner und Demokratinnen, und staunen, wie es so weit kommen konnte. Eine Abstimmungsvorlage spaltet das Land, Jung und Jung, Alt und Alt, Links und Rechts, Links und Links und zum Glück auch langsam Rechts und Rechts. Der Sonderfall Schweiz soll als einziges Land Europas nur noch von Privaten geführte Radio- und TV-Sender haben dürfen. Das steht schwarz auf weiss im Initiativtext, aber die gutmütigen SchweizerInnen reden lieber über Lieblings- und Hasssendungen, Gebühren und Reformen und überhören dabei, dass die SVP die Machtfrage gestellt hat.

Nur Krieg würde den Weiterbetrieb von SRF garantieren. Das Verbot von Bundessubventionen an Medien gälte nur in Friedenszeiten. Ein Zangenangriff der Achsenmächte auf die Schweiz wäre also wünschenswert. Zwischen dem Verzehr von Notrationen und dem nächsten Bombeneinschlag könnte man endlich demokratisch über eine faire SRGFinanzierung debattieren; und damit es in der Schweiz weiterhin ein SRF-Kulturleben gibt, wären auch viele linke Fernsehzuschauerinnen plötzlich für Kampfflugzeuge.

Die Schweizer Rüstungsindustrie arbeitet schon heute intensiv auf ein tolles SRF-Kriegsprogramm hin, indem sie sich über den fürchterlichen Frieden beklagt, der überall herrscht, und endlich ungehindert an Bürgerkriegsparteien liefern will.

Nach einem Sieg der Billag-GegnerInnen am 4. März 2018 wird im Schweizer Medienbetrieb aber gar nichts passieren. Die etablierten Medienhäuser werden sich ihre Finger kaum am Fernsehgeschäft verbrennen wollen, während die bereits heute teilweise sehr speziell sendenden Privatfernsehen (Tipp: die Sendung «Schweizerzeit» auf Schweiz 5) weiterhin an den FernsehzuschauerInnen vorbeisenden werden. Letztere werden bei schwarzem SRF-Sendesignal halt einfach umschalten auf deutsche Kanäle. Ein Schweizer Fernsehen wäre irgendwann so illusorisch wie eine Schweizer Fluggesellschaft. Der damalige SVP-Parteipräsident Ueli Maurer sagte 2001 ganz ohne patriotische Aufwallung, wenn es die Swissair nicht mehr gebe, sei das kein Problem, dann würden ausländische Airlines halt den Schweizer Markt übernehmen. Stimmt, die Deutschen machen es besser oder zumindest gleich gut wie die Schweizer, wie man heute bei der Lufthansa-Tochter Swiss sieht. Der erwünschte Umstieg auf Natalie Ricklis (SVP) deutsche Werbesender RTL und Sat 1 wird auch den Schweizer FernsehzuschauerInnen reibungslos gelingen.

Da stellt sich die Frage, warum es denn überhaupt die SVP noch braucht. Keine andere Partei kostet den Bürger so viel. Es ist zwar legitim, solche Politangebote zu nutzen, aber dann sollen die WählerInnen der SVP allein die Kosten übernehmen. Die deutsche AfD macht übrigens ebenso guten Rechtspopulismus, günstiger und erst noch eklatant aggressiver. Es ist zu hoffen, dass die AfD bald in die Schweiz kommt, dann ist Lichterlöschen in Herrliberg.

Warum braucht es eigentlich die Schweiz noch, diese Einfriedung auf den Grenzen Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Österreichs, in der die Leute dasselbe Youtube und Netflix schauen wie die Leute in Deutschland, Schweden und Aserbaidschan? Der vom No-Billag-Initianten Olivier Kessler (Ex-SVP) im Zusammenhang mit der SRG wieder ins Spiel gebrachte «Markt» braucht keine Schweiz; eine unsolidarische SVP-Ellbogengesellschaft, die Armen die Sozialhilfe nicht gönnt und den Leuten bald die Volksschule abspenstig machen will, braucht auch keine Schweiz.

Die ExponentInnen der SVP brauchen nämlich keine Schweiz, sondern ein Tiefsteuer-Refugium. Sie nahmen dafür einfach die Schweiz, weil die so schön friedlich dalag und so viele BewohnerInnen hatte und hat, die überhaupt nichts checken.

Ruedi Widmer ist Fernsehzuschauer von Tele Top (Winterthur).

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