Ein Traum der Welt: Das Zirpen in den Lücken

Nr. 8 –

Annette Hug liest Statistik und Poesie

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Siebzehn Prozent: Die Zahl machte in der Weltpresse die Runde. Um so viel ist die Zahl der Geburten in der Volksrepublik China im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr gesunken. Analysen und geplante und geforderte Gegenmassnahmen klingen nach grosser Gesellschaftsmaschinerie: Kinder seien Super­konsument:innen; wenn sie fehlten, sinke die Nachfrage im Inland. Wie soll China vollständige Lieferketten ausbilden – also gegen ausländische Sanktionen immun werden –, wenn der Binnenmarkt nicht wächst? Sind die Familienplanungsbehörden schuld? Haben sie aus Angst, abgeschafft zu werden, lange die Situation beschönigt? Zum Beispiel besteht nach der Einkindpolitik (1980–2016) ein noch grösserer Männerüberhang, ohne Uterus kein Embryo. (Was meint Xi Jinping genau, wenn er von einer «hochwertigen Bevölkerung» spricht? Welche Rolle spielt die – weltweit – abnehmende Spermienqualität?) Wie schnell werden günstige Kinderbetreuungsstätten, Familienzulagen, Beihilfen zum Wohnungskauf und andere Anreize nützen? Endet die Lohndiskriminierung von Müttern? Wann und wo werden junge Frauen überhaupt gehört? Seit Jahren wettert Xi Jinping gegen feministische Aktivistinnen und androgyne Popstars. Politisches Engagement ist gefährlich.

Ganz anders erscheint die Maschinerie des chinesischen Wirtschaftsbooms in den Gedichten von Zheng Xiaoqiong. Die Dichterin extrahiert Wortkaskaden aus dröhnenden Fabrikhallen, da walzen «riesige Stahlanker» durch «grüne Träume»; in Lichtern, Lärm und Gemenge drehen sich Schraubenmuttern – im chinesischen Ausdruck verbindet sich die Mutter allerdings mit Viechern: Da ist eine Schnecke, deren Windung als Bild für die Schraube dient. Das Fliessen des Fliessbands wird auch auf Deutsch zum Fluss.

Zheng hat als Arbeiterin in Metall- und Elektronikfabriken um die Jahrhundertwende zu schreiben begonnen; im Gedichtband «Erzählung von den Konsumgütern» ist jetzt ihr Werdegang zu erahnen: Schon in den frühen Gedichten zirpen Insekten in den Lücken von Maschinenlärm und bürokratischen Konvulsionen, «wie Fische schwimmen die Frauen zwischen Wanderarbeits- und Warenströmen». Mit zunehmendem Erfolg konnte sich Zheng einen Platz im Literaturbetrieb schaffen; Fragen der Poetik und der Position von Dichter:innen gewannen an Bedeutung, sie verbinden sich mit der Darstellung des industriellen Alltags zu immer opulenteren Weltenbildern, denn: «Japanische Maschinen, finanziert von amerikanischem Kapital, drehen Eisen, gewonnen aus brasilianischen Minen; Drehstahl aus Deutschland formt / Frankreichs Küstenlinie neu […]». Hier löst sich alles aus der engen geografischen Verkapselung: «der Schmerz nebenan, Aluminiumlegierungen, Baupläne, Brotkrumen, Drahtschneidemaschinen, der Schweiss, den du wiedererkennst».

Der sprachliche Sog verbindet sich mit dem Gefühl, die Welt am anderen Ende der Lieferketten zu hören. Die Stimmen der Dichterin und der Arbeiterinnen, die Zheng porträtiert, sind laut und erschöpft, hart und zärtlich, sie lassen sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die Kraft der Maschinen geht auf sie über, aber auch die bedrohte Natur in mannigfaltigen Formen: «[…] die alte Wildheit, wie ein Rudel wilder Tiere in ihrem Körper untergetaucht, / um irgendwann die Zähmung der Tage zu durchreissen».

Annette Hug ist Autorin und Übersetzerin in Zürich. Sie empfiehlt den zweisprachigen Gedichtband «Erzählung von den Konsumgütern 产品叙事» von Zheng Xiaoqiong, übersetzt von Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag, Lea Schneider und Christian Filips (Hrsg.), erschienen beim Verlag Urs Engeler, 2025.