Nr. 02/2022 vom 13.01.2022

Herzrasen am Fliessband

Annette Hug sammelt Signale aus einer Blackbox

Von Annette Hug

Im südchinesischen Shenzhen werden zwei Coronainfektionen gemeldet. Es könnte also sein, dass am Donnerstag, wenn dieser Text erscheint, eine der grössten Industriestädte der Welt im Lockdown ist. Auch die Abriegelung der Stadt Xi’an und des Welthafens Ningbo bei Schanghai sorgen dafür, dass das Thema der Produktions- und Lieferketten in den Tagesmedien wieder Aufschwung erhält. Für einen Moment wird deutlich, dass in den Fabriken Chinas Leute stehen, die verletzlich sind.

Dass sie auch einen Grossteil der weltweit verwendeten Medikamente produzieren, ist in den vergangenen zwei Jahren mehrfach beschrieben worden, zum Beispiel vom Journalisten Reto Schneider. Im «NZZ Folio» vom September 2020 brachte er eine selten beleuchtete Gefahr für die Weltwirtschaft zur Sprache: die strenger werdenden Umweltgesetze in China. «Groteske Situationen» seien die Folge: «Als die chinesischen Behörden wegen der starken Luftverschmutzung ein Werk schliessen wollten, das Rifampicin herstellte, bat die Weltgesundheitsorganisation, es doch bitte weiterlaufen zu lassen: Die Fabrik war die einzige Quelle für das Tuberkulosemittel.»

Nicht auszumalen, wie grotesk das würde, wenn sich eines Tages eine chinesische Regierung entscheiden sollte, die Uno-Menschenrechtskonventionen durchzusetzen – wenn Angestellte Verletzungen des Arbeitrechts plötzlich erfolgreich einklagen könnten und freie Gewerkschaften entstünden, die höhere Löhne, bezahlte Ferien und guten Gesundheitsschutz erstritten. Ein Aufschrei von westlichen Firmen und Einkäufer:innen dürfte nicht ausbleiben. So war das nicht gemeint mit den Sonntagsreden für Demokratie und Menschenrechte. Wenn im reicher werdenden China die Wanderarbeiter:innen nicht mehr arm gehalten werden, gerät ein Motor ins Stocken, von dem nicht nur chinesische Eliten profitieren, sondern massiv auch der Westen.

«Erzählung von den Konsumgütern», heisst ein Gedicht von Zheng Xiaoqiong. Sie gehört zu einer grossen Szene von Arbeiter:innen, die in China moderne Lyrik veröffentlichen. Das Gedicht beginnt mit «gewölbten eisenplatten, mit dörfern, minen / frachtschiffen», mit weiträumigen Verbindungen also, und es führt hinein in Körper und Träume. Auch die Schlafsäle der Arbeiter:innen sind hier Maschinen. In einem anderen Gedicht sammelt sich das «Industriezeitalter» im Körper einer Siebzehnjährigen an, als chronischer Schmerz, und bricht aus. Dass mir beim ersten Lesen das Wort «Industriezeitalter» seltsam vorkam, ist Symptom einer europäischen Wahrnehmungsstörung. Ein innerer Ruck war nötig, um klar zu sehen: Dieses Zeitalter ist jetzt.

«… manche leute stellen sich ihr leben / in zerlumpten kleidern vor, wie eine antike tragödie – / tatsächlich sind ihre tage so hart wie uninteressant / aber in jedem bröckchen steckt ein stiller geist, und sie / schreibt gedichte auf der maschine der chinesischen sprache»

Neben den Alarmsignalen aus den Lieferketten ist es unverzichtbar, dass auch Funken dieses «stillen geists» hier ankommen und eine Vorstellung von der Wut und den Hoffnungen an jenen Fliessbändern.

«häufiger aber steht sie am fenster irgendeiner metallwarenfabrik, / ein endloses heimatland mit verstaubten laternen im rücken, / und bedient die maschine zum einlagern ihrer einsamkeit»

Annette Hug ist Autorin und liest Gedichte von Zheng Xiaoqiong, übersetzt und herausgegeben von Lea Schneider, aus der Anthologie «Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik» (Verlagshaus Berlin, 2016).

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