Ein Traum der Welt: Hektik und Leere
Annette Hug im medialen Notstand
Zeitungen gabs immer am Aufgang zu den Passerellen. Auch vor jedem Markt breiteten Zeitungshändler:innen Titel aus. Da hatte man die Schlagzeilen im Überblick, auf Englisch und Tagalog. Sie sind verschwunden. Während die Regierung am 25. Februar bereits eine Polizeitruppe von 15 000 Personen aufmarschieren lässt, um Unruhen vorzubeugen, suche ich noch eine Zeitung. Die meisten lesen hier online und gratis.
Zwei Kundgebungen finden zum Vierzig-Jahr-Jubiläum der «People-Power-Revolution» statt. Der Privatsender GMA7 liefert einen Livestream der stundenlangen Erinnerungsfeier zum Ende der Diktatur von Ferdinand Marcos Sr. In den News erscheint die Geschichte als Kampf zwischen demokratischen Kräften und Diktatur, der Aufstand von 1986 als Inspiration für die friedlichen Revolutionen in Osteuropa. Für die kommunistische Bewegung, die zu einer zweiten Demonstration aufgerufen hat, war der Machtwechsel das Resultat eines vierzehnjährigen bewaffneten Untergrundkampfs, des Aufbaus von oppositionellen Organisationen und Theatergruppen, der Organisation von Streiks und Ungehorsam.
Auf der Plattform «Rappler» findet sich ein Kommentar, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden oppositionellen Lager benennt. In der Tagalog-Zeitung «Pilipino Star Ngayon», die ich schliesslich mit anderen Zeitungen in einem Tankstellenshop finde, werden die Demonstrationen nur knapp beschrieben. Etwas mehr Platz hat die Berichterstattung über den zweiten Tag der Verhandlung gegen den ehemaligen Präsidenten Rodrigo Duterte am Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag.
Nach den Zeug:innen der Anklage, die am ersten Tag eindrücklich die systematische Natur der Tötungskampagne «Krieg gegen Drogen» dokumentiert hatten, sprach am zweiten Tag der Verteidiger. Der «Pilipino Star» beschränkt sich darauf, dessen Argumente zusammenzufassen. Titel: «Duterte nicht schuldig». Ein Aufsteller könnten die Wirtschaftsseiten des «Philippine Daily Inquirer» und der «Manila Times» sein. Eine Erfolgsmeldung jagt dort die andere. Wie soll das mit der sichtbaren Armut in der Stadt zusammengehen? Praktisch alle Artikel sind Paraphrasen von Medienmitteilungen, also Firmen-PR.
Der dritte Prozesstag am ICC erhält dann nicht mehr viel Aufmerksamkeit, weil die USA und Israel den Iran angreifen. Berichtet wird über die Gefährdung philippinischer Migrant:innen durch iranische Gegenschläge, in den Golfstaaten arbeiten sie nicht nur in Haushalten und auf Baustellen, sondern auch in Medienhäusern, HR-Abteilungen und Ingenieurbüros. Bis zu seinem Konkurs 2024 war «CNN Philippines» eine gute Adresse während solcher Krisen. Das Mutterhaus in den USA wird jetzt gerade mitsamt Warner Brothers an Paramount verkauft, gerät also in die Hände des Trump-Sympathisanten David Ellison, schreibt die «New York Times». Auf den Philippinen ist es aufwendig, News und Analysen zusammenzutragen; sehr viel bleibt unbeschrieben, unverstanden. Einen öffentlichen Rundfunk gibt es nicht.
Der amtierende Präsident Ferdinand Marcos Jr. hat zum Jubiläum der Revolution gegen seinen Vater geschwiegen. Er verfügte aber, dass der Tag in diesem Jahr kein richtiger Feiertag, sondern ein «working holiday» sei – man musste freinehmen, um an einer der beiden Kundgebungen teilzunehmen.
Annette Hug ist Autorin und Übersetzerin, zurzeit in Manila. Sie ist froh, konnte sie vor der Abreise aus der Schweiz noch abstimmen: Nein zur Halbierungsinitiative.