Ein Traum der Welt : Die Verbrenner:innen
Annette Hug schaut in Manila aus dem Fenster
Das war mehr als ein Feuer, ein Flammenturm stieg auf. Es galt, die Fenster zu schliessen, um die verrauchte Luft draussen zu halten. Gefährdet waren wir nicht, der Grossbrand ereignete sich zwar in Sichtweite, aber einige Kilometer weit weg. In Metro Manila ist am 6. März 2026 ein Armenviertel abgebrannt. Das sah aus, als schlügen nun auch hier Bomben ein. Nach offiziellen Angaben verloren rund 1800 Familien ihre Häuser, eine Sprecherin des Viertels sprach in der Brandnacht von 3000 Familien. Sie wohnen jetzt in Notunterkünften in der Teilstadt Quezon City.
Was nach einer ungeheuren Katastrophe aussah, machte keine Schlagzeilen. Informationen finden sich allerdings zuhauf, wenn man danach sucht: Videos von Betroffenen und Newsclips. Die Bürgermeisterin der Teilstadt Quezon City verspricht, anstelle der selbstgebauten Behausungen Hochhäuser für die Vertriebenen zu bauen, ein lokaler Priester wettert in seiner aufgezeichneten Predigt in verkohlten Trümmern gegen ebendiese Bürgermeisterin: Schon mehrmals habe das Viertel gebrannt, den Versprechungen der Stadtbehörden seien keine Taten gefolgt. Wie geschmiert scheint die Nachbarschaftshilfe zu funktionieren, die Stadt und Kirchgemeinden sammeln benötigte Güter, eine nationale Behörde liefert Überlebenskits. Das Land ist geschult in Katastrophen.
Die grösste Bedrohung stellt momentan die Blockade der Strasse von Hormus dar. Wegen des Krieges im Nahen Osten steigen die Preise für Benzin und Diesel um bis zu dreissig Prozent. Im öffentlichen Dienst gilt zum Spritsparen die Viertagewoche. Fahrer von Bussen und Kleinbussen (Jeepneys) dürfen die Ticketpreise nicht erhöhen, also schrumpft ihr Einkommen empfindlich. Ein Jeepney-Fahrer muss pro Tag etwa dreissig Franken netto einnehmen, dafür ist er jetzt mehr als zehn Stunden auf der Strasse. Nur so kann sich seine Familie die Miete einer bescheidenen Wohnung leisten. Der Kauf eines Reihenhauses im gartenreichen Viertel, in dem ich wohne, ist unerschwinglich. Das kostet zwischen 130 000 und 490 000 Franken.
Heiss diskutiert werden Zahlen, die eine neu geschaffene Antikorruptionskommission liefert. Unsummen von Geldern für den Hochwasserschutz wurden veruntreut. Bei fehlbaren Politiker:innen und Baufirmen hat die Kommission Luxuskarossen sichergestellt und zugunsten der Staatskasse versteigert. Ein Mercedes-Benz G 63 AMG brachte 240 000 Franken ein, ein Toyota Tundra immerhin 53 000 Franken. Mit besonderer Spannung wurde der Erlös eines Rolls-Royce Cullinan erwartet, den sich die Unternehmerin Sarah Discaya wegen des tollen Sonnenschirms gönnte, den es als Goodie dazu gab (440 000 Franken).
Die Schadenssumme des abgebrannten Viertels, also das unbewegliche Vermögen von 2000 bis 3000 Familien, wird auf 60 000 Franken geschätzt. Sie sind nicht versichert. Die sogenannte Landbesetzung liegt auf teurem Grund. Rundherum stehen bereits neue Hochhäuser – kein sozialer Wohnungsbau, sondern Eigentumswohnungen und Büros. Alle, die ich frage, warum dieser Grossbrand so wenig Aufmerksamkeit kriege, sagen: Es ist immer dasselbe. Jemand legt Feuer, um die Leute zu vertreiben. Irgendwann akzeptieren sie eine Umsiedlung an den äussersten Rand der Grossstadt, oder sie verschwinden in einer anderen «Besetzung», bis zum nächsten Brand.
Annette Hug ist Autorin und Übersetzerin, zurzeit in Quezon City, Philippinen.