Film: Selbst Zungen liegen lahm

Nr. 12 –

Dass die Klimakrise nicht zwingend im Katastrophenfilm münden muss, beweist Jacqueline Zünd mit ihrem poetischen Spielfilmdebüt «Don’t Let the Sun».

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Filmstill aus «Don’t Let the Sun»: Nika sitzt mit einem Mann am Tisch in einer Eisdiele
Nika mag kein Eis und schweigt: Wenn die Nacht zum Tag wird, kommt so manches 
ins Stocken.
Still: Filmcoopi

In Zeitlupe schält das Licht der aufgehenden Sonne Konturen aus dem Dunkel. Hügelzüge im Hintergrund werden sichtbar, vor denen sich Hochhaussilhouetten abzuzeichnen beginnen. Als wärs die Urszene allen Lebens, das die Sonne bringt. Wenn da nur nicht der Filmtitel mahnte, «Don’t Let the Sun» …

Und schon reisst eine Hand mit einem schmerzhaft lauten Ratsch den Vorhang zu. Sperrt die Sonne aus. Hebt im Halbdunkel das Mädchen hoch, das auf dem Sofa liegt, «ins Bett mit dir». Schmerzhaft überbelichtet gleissen gleich darauf die Strassen und Fassaden der Stadt, geisterhaft leer und erstarrt. Erst als auf dem Dach eines Gebäudes eine Digitalanzeige Uhrzeit und Temperatur in den einnachtenden Himmel leuchtet, dämmert die Erkenntnis: Die Hitze ist schuld! 49 Grad Celsius! «Don’t Let the Sun», der erste Spielfilm von Jacqueline Zünd, kreist um die Leerstelle des unvollständigen Titels als Abgrund, in den uns die Klimaerhitzung in naher Zukunft zu stossen droht.

«Ich brauche keinen Vater»

Das Mädchen, die neunjährige Nika (Maria Pia Pepe – eine Entdeckung), steht im Zentrum der Geschichte. Zu Beginn sieht man sie abseitsstehen, aus dem Dunkel dringen Kinderstimmen vom Pausenplatz herüber, später fährt sie allein im Neonlicht der Metro durch die Nacht. Die Mutter (Agnese Claisse) sorgt sich um ihr unglückliches Kind, vielleicht braucht es doch eine Vaterfigur? Über eine Agentur bucht sie Jonah (Levan Gelbakhiani), von dem ihr versichert wird, er sei zwar noch jung, aber der beste Mann für eine solche «Illusion»: Beziehung als bezahlte Dienstleistung. Doch Nika will erst mal partout nichts von Jonah wissen. Als er ihr ein Skateboard schenkt, bedankt sie sich artig, nur um gleich darauf anzufügen: «Ich brauche keinen Vater.»

Ästhetischer Minimalismus

Später sitzen sich die beiden in einer Eisbar gegenüber, bloss: Nika mag kein Eis, schlürft stattdessen an einer Coke und schweigt. Auch ins naturhistorische Museum lässt sie sich ausführen, findet indes, für so etwas sei sie zu alt. Auf einem ihrer nächtlichen Streifzüge kommen sie an einem Skaterpark vorbei. Bald darauf balanciert Nika etwas abseits selbst auf ihrem Board – langsam schlägt die ursprüngliche Ablehnung in Annäherung um. Ob er zu ihrer Theateraufführung komme? Sie spielt die Sonne. «Als ich so alt war wie du, haben alle die Sonne geliebt», sagt Jonah. Darauf Nika: «Dann warst du also ein glückliches Kind?»

Für einmal endet der Ausflug erst mit den ersten Sonnenstrahlen, denen Nika ihr Gesicht entgegenhält. Doch bereits warnt die immer selbe Lautsprecherstimme über der Stadt, rasch nach Hause zu gehen und drinnen zu bleiben.

Alles scheint diese sengende Sonne auf ein Minimum zu reduzieren – als saugte sie Licht und Leben aus den Figuren und ihrer Umgebung. Wie unaufdringlich und doch klar sich das auch in der formalen Sprache des Films niederschlägt: Wenn sich selbst nachts die Strassen der Stadt kaum mit Menschen füllen, greift sich die brutalistische Architektur der Fassaden und urbanen Passagen umso mehr Raum. Auch im Innern wirken die Gebäude abweisend und karg. So minimalistisch beleuchtet sind viele Szenerien, dass die Schattenwürfe abstrakt anmuten, bedrohlich gar, als machten sie die Protagonist:innen zu Gefangenen oder verschluckten sie demnächst – und spiegelten zugleich ihr Innenleben: verschlossen, verschattet, einsam.

Subtiler Rollentausch

Ebenso minimalistisch gehalten sind alle Bewegungen. Lange und statisch verweilt die Kamera (Nikolai von Graevenitz) auf Szenen und Personen, die kaum agieren, auf Gesichtern, die kaum Mimik zeigen. Selbst Zungen liegen lahm: Essen erscheint als Qual, ja Tortur, gesprochen wird kaum, und wenn doch, dann in lakonisch kurzen Sätzen. Grandios schliesslich, wie dieser ästhetische Minimalismus der ganzen Zukunftsszenerie etwas irritierend aus der Zeit Gefallenes verleiht. Kein Smartphone nirgends, dafür ein Röhrenfernseher. Über den Bildschirm flimmern tiefrot gefärbte Meteokarten. Und als Einziges immer in Bewegung: der Ventilator.

Auch erzählerisch bleibt vieles nur angedeutet. Wie Jonah sich zwischen den verschiedenen Rollen, die er im Auftrag der Agentur zu spielen hat, immer mehr abhandenkommt. Wenn er morgens seine Feierabendzigarette plötzlich in der Wohnung raucht, das Tiefkühlfach offen stehen lässt, sich um den ausgelösten Alarm foutiert. Wenn er im seltsamen Kampfsportritual, dem er in seiner nächtlichen Freizeit nachgeht, unvermittelt den Gegner umklammert und nicht mehr loslässt.

Je mehr Nika seine Nähe sucht, desto weiter zieht er sich zurück – ein subtiler Rollentausch beginnt sich zwischen den beiden abzuzeichnen. Doch was kann ein neunjähriges Mädchen ausrichten, wenn einer ebenjener Sonne entgegentreibt, vor der die Lautsprecher Morgen für Morgen warnen?

«Don’t Let the Sun» erzählt von einer apokalyptischen Zukunft. Schon Jacqueline Zünds dokumentarische Werke, zuletzt «Where We Belong» (2019) und «Almost ­There» (2016), zeichneten sich durch eine sorgfältig komponierte Bildsprache aus. In ihrem fiktionalen Debüt findet sie jetzt zu einer so zarten, poetischen Sprache, dass der Film noch nachhallt, lange nachdem man aus dem dunklen Kinosaal zurück ins Licht der Sonne getreten ist.

«Don’t Let the Sun». Regie: Jacqueline Zünd. Schweiz / Italien 2025. Jetzt im Kino.