Nr. 36/2017 vom 07.09.2017

«Wir werden nicht weiser, sondern müde»

Zwei Schweizer Filme nähern sich dem Leben im Alter ganz unterschiedlich an. Einmal poetisch inszeniert, einmal subjektiv festgehalten.

Von Silvia Süess

Was passiert mit Menschen, die plötzlich nicht mehr gebraucht werden? Szene aus «Almost There» von Jacqueline Zünd. Still: First Hand Films

Bob nimmt einen Bissen vom Würstchen und legt es auf den leeren Teller zurück. Er blickt zum Fenster seines Wohnmobils hinaus ins Dunkle. «Hier sitze ich auf einem Walmart-Parkplatz, während ich zu Hause sein könnte, warm, bequem, sicher», kommentiert seine sonore Stimme aus dem Off. Er ist unschlüssig: Soll er die Tür abschliessen oder nicht? Einbrüche gebe es zwar nicht viele auf Stellplätzen, allerdings brenne immer mal wieder ein Wohnmobil aus – und flüchten gehe besser, wenn die Tür nicht abgeschlossen sei.

Bob ist einer der drei Protagonisten im neuen Film der Schweizer Filmemacherin Jacqueline Zünd. «Almost There» erzählt vom Lebensabschnitt nach der Pensionierung, den die eine Frage durchzieht: Was passiert mit Menschen, die plötzlich nicht mehr gebraucht werden? Zünd hat sich bewusst drei Männer für ihre Porträts ausgesucht. Denn diese seien anfälliger für eine existenzielle Leere als Frauen: «Frauen sind in der Regel ihr Leben lang sozialer, vernetzen sich stärker und nachhaltiger, während Männer vor allem auf die Karte Arbeit setzen.»

Die Protagonisten im Film versuchen, sich auf ganz unterschiedliche Art aus der Leere, in die sie gefallen sind, zu befreien: Der US-Amerikaner Bob kauft sich ein Wohnmobil, mit dem er durchs Land tuckert. Der Japaner Yamada sucht sich ein Hobby (man brauche mindestens zwölf davon, ist er überzeugt), und der Brite Steve erfindet sich neu als Drag-Comedian Stella, als die er im spanischen Benidorm auftritt.

Sich nicht im Alter einrichten

Zünd verwebt die Erzählstimmen ihrer Protagonisten, die aus dem Off von ihrem Leben und ihren Ängsten berichten, mit den traumwandlerischen Bildern von Kameramann Nikolai von Graevenitz. Die von Max Avery Lichtenstein komponierte Musik trägt mal subtil, mal lauter, jedoch nie aufdringlich zur Atmosphäre der Bilder bei. Immer wieder zeigt Zünd die Männer, wie sie still in der Mitte des Bilds stehen oder sitzen – ziellos und aus der Zeit gefallen wirken sie: Yamada in einer leeren Metrounterführung, Bob, der auf die Wüste blickt. Es sind Kameraeinstellungen, die man einfrieren und sich übers Bett hängen möchte.

Zusätzlich zu den drei Protagonisten treten verschiedene Menschen auf, die Zitate der Schriftstellerin Sibylle Berg über das Alter direkt in die Kamera sprechen. Das irritiert immer wieder (auch, weil dies die Protagonisten nie tun), fügt sich aber wunderbar in das filmische Gesamtkunstwerk, das seine Wucht aus genau dieser Inszeniertheit der Realität erhält. «Altern bedeutet, sich einrichten und seine Möglichkeiten akzeptieren. Wie illusionslos das klingt. Wir werden nicht weiser, sondern müder.»

Ihre Möglichkeiten akzeptieren, ohne sich jedoch einzurichten: Das versuchen die vier KünstlerInnen, die Urs Graf in seinem Dokumentarfilm «Gute Tage» porträtiert. Sie finden immer wieder neue Wege, ihre Arbeit trotz fortschreitenden Alters und körperlicher Gebrechen fortzusetzen. Der Film des 1940 geborenen Regisseurs und Mitbegründers des Zürcher Filmkollektivs ist ein sehr persönliches Werk. Über drei Jahre hat Graf Renate Flury, Boris Mlosch, Daniel Pestel und Schang Hutter mit der Kamera begleitet. Er sitzt bei ihnen in der Stube, im Spital, im Schlafzimmer, in der Rehaklinik, im Atelier – stellt Fragen und schaut ihnen beim Arbeiten zu, das ihnen zunehmend schwerer fällt.

Mit wütender Würde

Alle vier KünstlerInnen zeigen sich kreativ im Umgang mit ihren physischen Einschränkungen. So wechselt die an Multipler Sklerose erkrankte Renate Flury von schweren Materialien zu immer leichteren. Daniel Pestel macht statt grosser Plastiken nur noch kleine Skulpturen, am Ende sind es die Hände seiner Frau, die für ihn arbeiten. Aufhören ist für alle vier keine Option. Grafs Erzählstimme führt aus der Ich-Perspektive durch den Film: Mal liest er aus Briefen und E-Mails, die er von den ProtagonistInnen erhalten hat, mal rekapituliert er Ereignisse, die die Kamera nicht eingefangen hat – und erzählt dabei auch von sich: Denn auch er, der Regisseur, kann sich immer weniger auf seinen Körper verlassen. Sein lahmendes Bein wird dünner und schwächer. Als er sich bei einem Sturz den Arm bricht und den Daumen verletzt, was ihn am Filmen hindert, hält er die Ereignisse mit der Fotokamera fest, der Film wird vorübergehend zu einer Serie von Stills.

Die Männer in Jacqueline Zünds «Almost There» sind noch gesund und rüstig – was sie antreibt, ist die Suche nach etwas Sinnstiftendem in ihrem neuen Lebensabschnitt. Die ProtagonistInnen in «Gute Tage» haben Erfüllung in ihrem künstlerischen Schaffen gefunden. Und doch droht auch ihnen der Sinn des Lebens abhandenzukommen, je schlechter ihnen das Arbeiten gelingt. Körperlicher Zerfall, Schmerzen und der Tod sind in «Gute Tage» sehr präsent. Nichts beschönigend und doch voller Empathie zeigt Urs Graf, wie die ProtagonistInnen damit umgehen und den zunehmenden Einschränkungen entgegentreten – mal wütend, mal entspannt, mal traurig, mal hilflos, aber stets mit Würde.

Auch Christine Fessler hätte Teil des Filmes «Gute Tage» sein sollen. Doch die Zeichnerin und Plastikerin ist die grosse Abwesende im Film: Sie melde sich, wenn sie wieder gute Tage habe, lässt sie den Regisseur zu Beginn des Films wissen. Der Tod kam ihr zuvor.

Der Film «Almost There» läuft zurzeit im Kino.
Der Film «Gute Tage» läuft zurzeit im Kino.

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