Filmfestival Fribourg : Zwischen Staatsterrorismus und visueller Poesie

Nr.  13 –

Generationen von iranischen FilmemacherInnen, die sich gegenseitig beeinflusst haben: Das zeigt das diesjährige Filmfestival Fribourg in einer Retrospektive.

Ein Politthriller, der es in sich hat: «Manuscripts Don’t Burn» von Mohammad Rasulof.

«Das ist der erste Film, der uns seit langem aus dem Iran erreicht», stand 1986 im Katalog des Filmfestivals Locarno. In jenem Jahr lief auf der Piazza Grande «Dawandeh» («The Runner») von Amir Naderi. Der Film zeige eine grosse Freude am Filmen, so der Katalogtext weiter – «nach sechs Jahren kulturellem Aderlass». Die Zeiten waren schlimm damals im Iran. Der verheerende Krieg gegen den Irak, ein Kampf der Autokraten Ajatollah Chomeini und Saddam Hussein um Vorherrschaft am Persischen Golf, ging in sein sechstes Jahr und sollte noch zwei weitere wüten.

«Dawandeh», der am diesjährigen Filmfestival Fribourg (Fiff, vgl. «Grösser, breiter, bunter» im Anschluss an diesen Text) anlässlich einer Retrospektive zum iranischen Filmschaffen erneut gezeigt wird, gilt als Meilenstein des iranischen Kinos. Der weitgehend nicht narrative Film handelt vom Existenzkampf eines Waisenjungen, der ohne feste Bleibe fast dauernd in Bewegung ist und dabei immer wieder riesigen Feuersbrünsten trotzt. Es verwundert nicht, dass er in Locarno 1986 als Allegorie auf den Durchhaltewillen eines Regimes missverstanden wurde, das skrupellos Kindersoldaten in den Tod schickte.

In Wirklichkeit war der 1945 geborene Naderi jedoch alles andere als ein Kriegspropagandist. Er hatte seinen bereits 1984 fertiggestellten Film nur unter schwierigsten Bedingungen realisieren und schliesslich auch an einige ausländische Festivals schicken können. 1988 floh Naderi aus dem Iran in die USA, wo er bereits während der früheren Diktatur, jener des Schahs, für einige Jahre im Exil gelebt hatte.

Natürlich Kiarostami

Für das diesjährige Fiff bat dessen Leitung vierzehn namhafte iranische Filmschaffende, die 27 wichtigsten Werke der letzten fünfzig Jahre aus ihrem Heimatland auszuwählen. «Dawandeh» erhielt am zweitmeisten Stimmen. An der Spitze steht mit «The Cow» von Dariush Mehrjui ein Werk, das 1969 zu Zeiten des Schahregimes entstand. Der Film gilt als exemplarisch für Irans «Nouvelle Vague», eine Reaktion iranischer Filmschaffender auf jene Aufbruchstimmung, die in den sechziger Jahren das Kino in zahlreichen Ländern erfasst hatte. «The Cow» spielt in einem ärmlichen Dorf in Irans Provinz, wo ein Bauer nach dem Tod seiner einzigen Kuh in eine Psychose verfällt und seine Umgebung zu überzeugen versucht, er selber sei die Kuh. Der Film ist visuelle Poesie in vollendeter Form, voller Mysterien, und entwickelt einen Sog, dem man sich auch heute nicht entziehen kann.

Ähnliches gilt auch für ein anderes Werk aus dieser Epoche, «The Traveler», Abbas Kiarostamis allerersten Langspielfilm aus dem Jahr 1974. «Der Film beginnt mit David Ward Griffith und endet mit Abbas Kiarostami», formulierte Jean-Luc Godard einst. Tatsächlich offenbart «The Traveler» bereits in gewissermassen embryonaler Form die ganze Meisterschaft, die Kiarostamis spätere Filme charakterisiert. 
Eine vordergründig schlichte und mit glasklarer Präzision erzählte Geschichte – ein fussballbegeisterter Junge reisst von zu Hause aus, um im fernen Teheran einen entscheidenden Match seiner Lieblingsmannschaft zu sehen – entfaltet einen Reichtum an Details und poetischen Momenten, die ihresgleichen suchen.

Sie verweisen auf die künstlerische Herkunft Kiarostamis: Vor seiner Cineastenkarriere hatte er bereits als Lyriker und Werbefilmer Erfolge gefeiert. Mit «Where Is the Friend’s Home» und dem 1990 entstandenen «Close-Up» stehen noch zwei weitere Werke dieses grossen Meisters in Fribourg auf dem Programm.

Tour de Force

Die Exiliranerin Mania Akberi, die 2003 mit Filmen begann und deren «One.Two.One» 2012 am Fiff im Wettbewerb lief, ist eine von zwei Regisseurinnen, die für die Auswahl der Reihe befragt worden ist. «Natürlich umfasst die Geschichte des iranischen Kinos der letzten fünfzig Jahre mehr als die hier präsentierten fünfzehn Filme. Doch das Interessante sind die unterschiedlichen Standpunkte von Filmemachern verschiedener Generationen bezüglich Werken, die ihr eigenes Schaffen beeinflusst haben», erläutert sie die Auswahl gegenüber der WOZ. «So treten Sichtweisen zueinander in Beziehung und damit letztlich auch die Bedeutungen von Bildern zu anderen Bildern – und das ist Film.»

Die höchst unterschiedlichen Sichtweisen, von denen Akberi spricht, setzen sich auch in den beiden iranischen Filmen im Wettbewerb, fort, in «Fish and Cat» von Shahram Mokri und «Manuscripts Don’t Burn» von Mohammad Rasulof. «Fish and Cat» ist ein faszinierender Genremix aus Gruselthriller und Beziehungsdrama, gedreht in einer einzigen 134-minütigen Einstellung. «Manuscripts Don’t Burn» hingegen ist ein Politthriller, der es in sich hat. Während 127 atemlos spannenden Filmminuten zeigt Rasulof zwei Schergen des Regimes beim Entführen, Foltern und Morden. Das ist so unglaublich, dass auch der Abspann nicht mehr erstaunt: «Zu ihrem Schutz werden die Namen der im Iran lebenden Mitwirkenden dieses Films nicht genannt.»

Der Kontakt zu Regisseur Mohammad Rasulof, der seinen Film im Mai 2013 noch zur Weltpremiere am Filmfestival in Cannes präsentieren konnte, ist bald nach seiner Rückkehr nach Iran abgebrochen.