Alexander Kluge (1932–2026): Nachricht in die ideologische Antike
Der Autor und Filmemacher bewegte sich in einem Denkraum, in dem Begriffe und Erzählungen dem Verschleiss des Zeitgeists entzogen sind. Die Werke von Alexander Kluge bleiben als Leuchtfeuer erhalten.
Es beginnt mit einem Schiff. Nicht mit seinem Untergang, sondern mit seinem Zustand: leckend, überladen, voller Dinge, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Venedig, Kunstbiennale, 2017. «The Boat Is Leaking. The Captain Lied» heisst die Ausstellung. Ein Palazzo am Canal Grande, drei Stockwerke, drei Menschen: der Fotograf Thomas Demand, die Bühnenbildnerin Anna Viebrock und Alexander Kluge.
Draussen hektischer Kunsttourismus, drinnen ein Labyrinth aus Bildern, Filmen, Bühnenräumen. Türen, die manchmal ins Leere führen, oft in andere Zeiten. Ein begehbarer Gerichtssaal aus Kluges Film «Abschied von gestern» (1966). Ein Schaufenster aus Halberstadt, 500 Kopien seines Romans «Kongs grosse Stunde. Chronik des Zusammenhangs» (2015) – illustriert, in Szene gesetzt, im Dialog mit Viebrock und Demand. Immer wieder ein Schiffshorn. Ein Zuviel von allem. Nichts erklärt sich von selbst. Und doch hängt alles zusammen.
In dieser Ausstellung verschiebt sich mein Gefühl für Zeit. Ich beginne zu verstehen: Kein Leben ist nur gegenwärtig, es ist Teil eines Geflechts aus Geschichte und Geschichten. Vielleicht ist das eine Annäherung an Alexander Kluge: als Zusammenhang. Alles verweist weiter, will verbunden werden. Unlängst bin ich nur Zuschauerin, fahre auf dem wankenden Schiff, werde Teil der Montage. Wer ist der Kapitän? Was ist echt? Wer lügt?
Feld von Möglichkeiten
Kluge bezog sich immer wieder auf Hans Blumenbergs Buch «Schiffbruch mit Zuschauer» (1979) – im 21. Jahrhundert ist niemand mehr an Land, alle sind im beschädigten Boot. Es gibt kein Aussen. Keine Ein-Satz-Welterklärungen. Nur Entscheidungen, durch welche Tür man geht, welche Geschichte man weitererzählt. Wie es hätte anders sein können.
1932 in Halberstadt geboren, erlebte Kluge früh, dass Geschichte nicht zwangsläufig ist. Als Dreizehnjähriger überlebte er einen Bombenangriff – «zehn, zwanzig Meter richtig» positioniert. Ein Satz, der praktisch klingt, doch ein ganzes Weltverhältnis enthält: die Kontingenz der Geschichte. Dieses Erlebnis erschloss er sich erst rückblickend als prägend für sein Denken: Geschichte ist keine geschlossene Erzählung, sondern ein Feld von Möglichkeiten.
Der Filmemacher, Fernsehproduzent und Autor verstand Bücher als seine eigentliche Arbeit. Schon in seinem Debüt «Lebensläufe» (1962) setzte er dort an, wo Geschichte bricht: in fragmentierten Existenzen nach 1945. Es sind kurze, teils erfundene, teils dokumentarische Lebensläufe, die, so Kluge, mehr sind als Kindheit, Schule, Beruf, Alter. Sie existieren nicht linear, sondern «in Gruppen, Generationen, Staaten, Netzen». Sie geraten aus der Bahn, «krümmen sich unter dem Druck der Zeitgeschichte». Er nennt sie «verknüpfte Tiere».
Diese Poetik der Verknüpfung ist politisch. Als Teil der Gruppe 47, jenes prägenden Netzwerks der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, ging es ihm um eine Demokratisierung des Erzählens: weg von der autoritativen Perspektive, hin zu vielen Stimmen, zur Verteilung von Erfahrung. Auch in späteren Büchern wie «Chronik der Gefühle» (2004) oder «Das fünfte Buch» (2012) bleiben es Geschichten von Menschen, die unter widrigen Bedingungen weiterleben. Keine heroischen Erzählungen, sondern Momente, in denen Möglichkeiten aufscheinen.
Alexander Kluge sammelte, dachte und erzählte assoziativ – gegen die Tendenz, Komplexität zu reduzieren. In einer Gegenwart, die von algorithmischer Sortierung und ständigem Urteil geprägt ist, stiess er auch auf Unverständnis – zu sperrig, zu intellektuell, zu erratisch. Seine Antwort: Er sei kein Lehrer, kein Oberrichter, der den Leser:innen das Denken abnehme – aus Respekt. «Reschpekt», betonte er.
Denken trennte er nicht vom Gefühl. Ohne Einfühlung, ohne sich in andere hineinzuversetzen, ist weder Erkenntnis noch Zusammenleben möglich. Er arbeitete unermüdlich weiter, neugierig, mit ausgeprägtem Glauben an Veränderbarkeit. Er verschob Zeiterfahrungen: «Wir leben nicht in einer Gegenwart. Wir leben gleichzeitig in einer Vergangenheit, einer Zukunft und in der Möglichkeitsform, in einem Konjunktiv.» Wer so spricht, kann alles montieren – «Gedankengebäude oder emotionale Zusammenhänge».
Kluges Montage ist Denkform. In seinem monumentalen dreiteiligen Filmprojekt «Nachrichten aus der ideologischen Antike» (2008) greift er auf eine Anekdote zurück: Kurz nach dem Börsencrash 1929 sass ein aufgeputschter Sergei Eisenstein in Paris und erzählte James Joyce von seinem Plan, Marx’ «Kapital» nach dem Vorbild des «Ulysses» zu «kinofizieren». Der Dichter, fast blind, gebeugt über Eisensteins Zeichnungen, hörte der Idee des Regisseurs zu, ökonomische Prozesse in Bilder zu übersetzen, «Das Kapital» als Geschichte aus der Perspektive einer Arbeiterin an einem einzigen Tag zu erzählen. Zwischen den beiden stellte Kluge aus der Ferne Nähe fest, eine Verbindung über die Frage: Wie lässt sich abstraktes Denken sinnlich machen? Er gab darauf eine knapp zehnstündige Antwort: eine Montage aus Texttafeln, Archivmaterial, Lesesessions, endlosen Interviews mit Historikern, Agit-Texten von Bertolt Brecht, dazwischen Helge Schneider, verkleidet als Hartz-IV-Empfänger von seiner Marx-Lektüre in der Freizeit berichtend.
Seit den achtziger Jahren experimentierte Kluge auch im Privatfernsehen mit eigenen Formaten. Mit seiner Produktionsfirma DCTP platzierte er Gesprächsformate und Essayfilme bei RTL, Sat 1 und Vox – «homöopathische Dosen» von Kultur. Inseln der Langsamkeit, in denen gedacht werden konnte. Dass sie als «Quotenkiller» galten, kümmerte ihn wenig. Er blieb beharrlich. Er arbeitete innerhalb der Verhältnisse, um sie von innen zu verschieben.
Kluge arbeitet weiter
Er war kein Kulturpessimist. Auf gesellschaftliche Kälte antwortete er mit Empathie, «Liebespolitik», Grosszügigkeit. Noch kurz vor seinem eigenen Tod sprach Kluge in einem Interview zum Tod seines langjährigen Weggefährten Jürgen Habermas über «beschädigte Öffentlichkeit», über eine Sprache, die sich in Phrasen erschöpft. Das ist vielleicht der politische Kern seines Denkens: Verstehen braucht Zeit, Einfühlung ist eine Form von Erkenntnis. Und Erzählen ist eine Praxis, in der beides zusammenkommt.
Als Alexander Kluge letzte Woche im Alter von 94 Jahren starb, wechselte er, wenn man so will, nur die Ebene – in jene ideologische Antike, von der er selbst sprach: ein Denkraum, in dem Begriffe und Erzählungen dem Verschleiss des Zeitgeists entzogen sind, als Leuchtfeuer erhalten bleiben. Ob ein Nachruf unter diesen Bedingungen sinnvoll ist, bleibt fraglich. Die ideologische Antike kennt keine endgültigen Abschlüsse, eher Verschiebungen. Personen werden nur in andere Zusammenhänge überführt. So betrachtet arbeitet Kluge weiter. Unter veränderten Bedingungen der Sichtbarkeit. Er verlässt das Schiff wie ein Kapitän, der das Leck kannte und trotzdem weiterfuhr – im Gespräch mit und gegen die Strömungen.
Und was die Gegenwart betrifft, so wird sie von hier aus vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Leckagen betrachtet werden.
Hayat Erdoğan war von 2019 bis 2025 Kodirektorin und Dramaturgin am Theater Neumarkt in Zürich. Eben erschien bei Claassen ihr Debütroman «Hauptsache kein Zeitgeist».