Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Mit Blick auf den Bahnhof, bitte schön!

Immer unterwegs: Vor einem Jahr starb der österreichische Filmemacher Michael Glawogger überraschend. Jetzt ist sein nachgelassener Erzählband «69 Hotelzimmer» erschienen – ein Reisebuch der anderen Art.

Von Barbara Schweizerhof

Der Schock über seinen frühen Tod ist noch nicht vergessen. Im April vergangenen Jahres verstarb Michael Glawogger mit 54 Jahren an einer zu spät diagnostizierten Malariaerkrankung. Er war in Liberia, mitten in den Dreharbeiten zu einem Filmprojekt, das sein Hauptwerk hätte werden sollen und den Titel «Untitled. Film ohne Namen» trug. Die Filmarbeit einer einjährigen Weltreise wollte Glawogger darin zu einer Bilanz seines Schaffens verdichten, für das das Reisen elementar gewesen war. Der Erzählband «69 Hotelzimmer» sollte gleichzeitig mit dem Film erscheinen und bildet nun ein Vermächtnis, das gleichsam jede Leserin zur glücklichen Erbin macht.

Leicht statt schwermütig

Denn wo seine drei grossen dokumentarischen Epen, «Megacities» (1998), «Workingman’s Death» (2005) und «Whores’ Glory» (2011), in ihrer Bedeutsamkeit zu Schwermut und Defätismus neigten, geht von den Erzählungen eine unvermutete Leichtigkeit aus, die mit der Lust am Zufall zusammenhängt. Nicht umsonst wird der Titel an einer Stelle mit dem Verweis auf Komödien erklärt: «‹Warum gerade 69?›, fragte sie. ‹Weil es eine schöne Zahl ist›, antwortete er. ‹Und weil in Verwechslungskomödien aus 69 oft 66 oder 99 wird, wenn sich beim Zuschlagen der Tür eine Ziffer dreht, oder auch 96, wenn sich beide drehen.›» So enthält der Band «69 Hotelzimmer» 96 Erzählungen, nein 95, denn die Zahl 13 ist ausgelassen, wie das in Hotels aus Rücksicht auf abergläubische Gäste meist gemacht wird.

Und warum eigentlich hängt in so vielen Hotelzimmern ein Spiegel über dem Schreibtisch? Kein Mensch, so argumentiert der Protagonist in der ersten Erzählung, würde bei sich zu Hause einen Spiegel über dem Arbeitstisch aufhängen, denn: «Wer will sich schon selbst beim Nachdenken zuschauen?» Aber wenn es ein Fazit gibt, das sich aus Glawoggers Geschichtensammlung ziehen lässt, dann handelt es davon, wie verwandt die beiden Betrachtungsweisen sind: Sosehr es darauf ankommt, beim Blick in den Spiegel sich selbst von aussen, als fremd wahrzunehmen, so sehr läuft der Blick in die Welt oft darauf hinaus, im Fremden, in den anderen sich selbst zu sehen.

Die Lust am Selbstverlust

Dieses Oszillieren zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung bewirkt einen eigenartigen Sog: In einer Geschichte passiert es dem Erzähler mehrfach, dass er sich selbst sieht, einmal zum Beispiel in einer Strassenbahn in Prag, «da sah er sich sitzen und ein Buch lesen». Später verflucht er sich dafür, nicht darauf geachtet zu haben, was der Mann gelesen hatte. Dabei geht es Glawogger nie um das sympathisierende, mitmenschelnde Wiedererkennen im anderen. Was in seinen raffiniert konstruierten Reiseanekdoten immer wieder aufscheint, ist der Selbstverlust, den langes Reisen bewirken kann, das innere Sich-Auflösen in der Fremde, aber auch die Lust daran. Das Beobachter-Ich wird zum allwissenden Erzähler.

In einer der schönsten Geschichten reizt Glawogger das Konzept aus, indem er nahtlos die Perspektive wechselt, vom ankommenden Hotelgast zur Flight Attendant in dem Flugzeug, das er am Himmel betrachtet, zu deren Zufallsbegegnung mit einem Mann, der einer Frau einen Antrag macht, und so weiter, bis die Kette sich wieder beim Hotelgast schliesst. Es ist die perfekte Konstruktion eines literarischen Episodenfilms. Kaum überraschend, war Glawogger doch ein Filmemacher, der auch auf der Leinwand stets bevorzugt in Bruchstücken und Abschnitten erzählte.

Ungeheuer viel Welt kommt in diesen Geschichten vor: Mexiko, Ukraine, Thailand, Moskau, Graz, Las Vegas, Bosnien, Nigeria, Kambodscha. Dabei ist «69 Hotelzimmer» alles andere als ein Handbuch zum Reisen. Es werden keine Tipps gegeben und auch keine Zusammenhänge beschrieben. Oft ist der Ort – oder auch die Zeit, springt das Buch doch in den Jahren hin und her – für das Erzählte gar nicht so wichtig. Neben prosaischen Schilderungen von schnarchenden Reisegefährtinnen stehen Erkenntnisse zu einem Land, wie etwa die Beobachtung, dass Diktator Pol Pot unfreiwillig einen Beitrag zum Tourismus in Kambodscha leistete, indem die Stätten seines Wirkens und Sterbens zu Sehenswürdigkeiten wurden.

Was fehlt, ist ein Zusammenhang, eine innere Dramaturgie, man kann sich beim Lesen noch nicht einmal sicher sein, ob man es hier mit einem, zwei oder 95 Erzählern zu tun hat. Nur an wenigen Stellen blitzt ein Wiedererkennen auf. Seltsamerweise stört das aber nicht, denn jede der Miniaturen kann für sich stehen. Aber auch am Stück gelesen, versetzen sie einen auf angenehme Weise in jene Reisestimmung, die eben kein Bade- oder Bildungsurlaub bieten kann, weil sie aus dem Gefühl des Unterwegsseins, des Fremdseins entsteht – ein Gefühl, bei dem es im Übrigen nie darauf ankommt, wie schön es irgendwo ist.

Immer bereit zur Flucht

Manche der Geschichten haben eine Pointe, manche einen romanhaften Schluss («Er sah sie zum letzten Mal»), und oft enden sie ohne Auflösung beziehungsweise mit der Abreise. Was auch fehlt, sind Verweise aufs Filmemachen. Dafür schlägt der Erzähler in der letzten Geschichte einen eleganten Bogen zum Kino: «Schön, dachte er. Alle Hotelzimmer der Welt sollten einen Blick auf einen Bahnhof haben. Das ist wie der Ecksitz im Kino. Man ist immer bereit zur Flucht.»

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