Durch die neunziger Jahre mit Marie-Josée Kuhn : Was hat die Weltlage mit der WOZ gemacht?
Professionalisierung, Lagerbildung und besetzte Redaktionsräume: Das zweite Lebensjahrzehnt der WOZ war ein turbulentes, erinnert sich die langjährige Redaktorin Marie-Josée Kuhn.
WOZ: Marie-Josée Kuhn, du warst seit den Anfängen Teil der WOZ. Ist sie in den Neunzigern erwachsen geworden?
Marie-Josée Kuhn: Marie-Josée Kuhn: Vielleicht ging sie damals von einer Pionier- und Expansions- in eine Konsolidierungsphase über. Es blieben aber wilde Jahre, die Neunziger waren eine sehr bewegte Zeit.
WOZ: Welche Ereignisse meinst du im Besonderen?
Marie-Josée Kuhn: Zum Beispiel den ersten Frauenstreik 1991, so etwas hätte sich fünf Jahre zuvor niemand vorstellen können. Zwei Jahre später die Nichtwahl von Christiane Brunner und dann die Wahl von Ruth Dreifuss in den Bundesrat. Es gab ein politisches Erwachen der Frauen in der Schweiz. Zugleich aber auch den Zweiten Golfkrieg und die postjugoslawischen Kriege. Der Neoliberalismus blühte auf, parallel dazu vollzog sich der Aufstieg der SVP unter dem Zürcher Blocher-Flügel. Zwischen 1991 und 1999 verdoppelte sie ihren Wähler:innenanteil.
WOZ: Was hat all das mit der WOZ gemacht?
Marie-Josée Kuhn: Manches hat die Redaktion gespalten, etwa die Abstimmung zum EWR-Beitritt 1992. Da gab es heftige Auseinandersetzungen. Und oft versuchten Politgruppen und Grüppchen von ausserhalb, Einfluss auf die WOZ zu nehmen. Sie war ja auch das einzige unabhängige, linke Medium in der Deutschschweiz! Social Media gab es damals noch nicht. Der Druck auf uns war zeitweise also enorm.
WOZ: Wie muss man sich das vorstellen?
Marie-Josée Kuhn: Es ging vor allem darum, was, wie und in welchem Umfang wir über bestimmte Themen schrieben. Einmal hiess es zum Beispiel, alle Lesben in Zürich würden einen Aufstand machen, weil die WOZ ein bestimmtes Theaterstück nicht besprochen hatte. Oder das damalige «Komitee gegen Isolationshaft» besetzte kurzerhand unsere Redaktionsräume. Man hat uns je nach Temperament und Stil beschimpft: Wir hätten kein Herzblut, seien Renegatinnen oder Kleinbürger geworden und würden unsere Arbeit nur noch als normalen Job betrachten. Relativ lächerlich bei einem Bruttolohn von etwa 3000 Franken!
WOZ: Wie hat sich das intern ausgewirkt?
Marie-Josée Kuhn: Es gab innerhalb der Redaktion wechselnde Lager und heisse Debatten. Letztlich ging es bei all den Grabenkämpfen vor allem um die Frage nach der «Generallinie»: Was für eine Zeitung wollen wir? Da war vom «Modell Pol Pot» die Rede, vom «Modell Volksfront» oder vom «Modell Wundertüte»: mal ideologisch enger und elitärer, mal breiter, mal überraschender und lustbetonter. Zu all dem gab es ewige, heftige Diskussionen. Und öfter hätte es den Karren fast gelüpft. Ich glaube, unsere einzige Rettung war jeweils, dass wir gleichzeitig immer noch eine Zeitung machen mussten.
WOZ: Als Beschäftigungstherapie?
Marie-Josée Kuhn: Was auch immer geschehen war: Wir mussten uns zusammenraufen und Woche für Woche eine Zeitung machen.
WOZ: Immerhin führten die Debatten nicht nur Männer untereinander – denn eine Frauenquote gab es bereits seit 1987.
Marie-Josée Kuhn: Ja, wobei Quotendiskussionen auch regelmässig für Lämpe sorgten. Ich erinnere mich noch an ein Seminar auf der Rigi, wo ein Redaktor wütend davonrannte, zu Fuss den Berg hinunter – nach dem Einnachten.
Die WOZ war auch nachher keine machofreie Zone. Es war immer laut. Es wurde hart diskutiert, auf die Person gespielt, auch mit der einen oder anderen Beleidigung. Natürlich war es Konsens, dass man keine Menschen oder Gruppen diskriminiert, aber im persönlichen Umgang waren wir robust. Auch die Frauen, das möchte ich betonen. Gerade in der Gründer:innengeneration gab es auch die eine oder andere Macha.
WOZ: Wo würdest du dich selber verorten?
Marie-Josée Kuhn: Das müsstest du die anderen fragen. Ich habe schon geschaut, dass ich gehört wurde.
WOZ: Der Betrieb stand in den Neunzigern mehrmals vor dem Ende, auch finanziell. Wie seid ihr dem basisdemokratisch begegnet?
Marie-Josée Kuhn: Das war schon nicht andauernd so, aber ja, es wurde immer mal wieder eng. Und wir waren mittlerweile zu gross, um immer alles mit allen zu diskutieren. Es war fast allen bewusst, dass etwas in Richtung Arbeitsteilung gehen musste. Eine Hierarchisierung blieb natürlich weiterhin ein Tabu. Aber in Sachen Professionalität und Effizienz passierte einiges. Irgendwann installierten wir eine Geschäftsleitung, die zwar keine Entscheidungskompetenzen hatte, aber immerhin Geschäfte vorbereiten konnte. Ich denke, das hat die WOZ handlungsfähiger gemacht.
WOZ: Warum hast du sie schliesslich verlassen?
Marie-Josée Kuhn: Ich wusste: Wenn ich noch etwas anderes machen will, muss es jetzt passieren. Und ich merkte, dass verschiedenste Dinge, die wir mal entschieden hatten, von denen, die neu zur WOZ stiessen, wieder infrage gestellt wurden. Das war ermüdend. Es war damals aber gar nicht so einfach, einen Job zu finden: In den bürgerlichen Zeitungen wollte man keine dezidierten Linken fürs Politressort anstellen, einen linken Satiriker vielleicht, aber keine langjährige linke Bundeshausredaktorin. Doch dann erhielt ich die Chance, die Gewerkschaftszeitung «work» neu aufzubauen.
Marie-Josée Kuhn (66) war von 1986 bis 2001 Redaktorin der WOZ. Beim «work» wurde Kuhn rasch Chefredaktorin und blieb bis zur Pensionierung. Anlässlich ihres Relaunchs am 23. April blickt die WOZ jede Woche auf ein Jahrzehnt ihrer Geschichte zurück.