Ein Traum der Welt : Gegen jeden Befehl
Annette Hug sucht sanfte Wörter
Zum Abschluss dieser Kolumne hätte ich Rückschau halten wollen. Dann stand ich vor einem Monster. Auf Deutsch heisst es Schneidkopfsaugbagger, auf Englisch «dredger», es wirkt wie ein fünfstöckiger, postapokalyptischer Schrottgigant. Im letzten Januar stand es plötzlich in MacArthur an der Ostküste der Insel Leyte. Sein Name ist «MV Li Long», betrieben wird es im Auftrag eines philippinischen Firmengeflechts.
Die lokale Politikerdynastie der Romualdez – eng verwandt mit Ferdinand Marcos Jr., dem amtierenden Präsidenten des Landes – taucht in den Papieren dieses Geflechts mehrfach auf. Wofür die Maschine eingesetzt wird, wissen die Bauern und Bäuerinnen der Gemeinde MacArthur nur zu gut. Ihre Reisfelder und Häuser stehen auf wertvollem Titanmagnetitsand. Ein erster Abbau mit kleineren Maschinen auf 500 Hektaren hat dazu geführt, dass Salzwasser in die umliegenden Reisfelder floss. Die Baugruben wurden nicht wie versprochen rehabilitiert, sondern in Fischzuchtteiche umgewandelt. Jetzt soll auf rund 7000 Hektaren Sand geschürft werden, in mehreren Gemeinden. Die Bauern, die das Monster blockieren, würden durch den Abbau ihren Lebensunterhalt verlieren. Als Pächter hätten sie zum Verkauf nichts zu sagen, sagt einer, der die Nacht im Protestzelt verbringt.
Der Ort ist nach dem US-amerikanischen General Douglas MacArthur benannt, der im Oktober 1944 die Rückeroberung des japanisch besetzten Archipels anführte. Nach der «Landung von Leyte» führte MacArthur den Generalstab zum imposanten Kapitol in Tacloban, dem ehemaligen Regierungssitz der Provinz Leyte. Hier erwarteten ihn lokale Guerillas, die von den Bergen der Insel her gegen die Japaner gekämpft hatten, und eine jubelnde Menschenmenge.
Der Autor und Tourismusdozent Mark Anthony Simbajon spielt mir unter den klassizistischen Säulen dieses Kapitols eine aufschlussreiche Szene vor: Da steht MacArthur und sieht erwartungsvolle Gesichter. Wie es seine Art ist, will er sofort eine Rede halten, dabei lässt er sich dazu hinreissen, die sofortige Wiedereinsetzung der Zivilbehörden zu verkünden. Den Anführer der Guerilla, Ruperto Kangleon, ernennt er zum Gouverneur von Leyte. Erst nach der Rede geht ihm auf, was für Komplikationen zwischen zivilen und militärischen Behörden er soeben geschaffen hat, zuerst hätte er das Kapitol fürs Militär und die Landesregierung reklamieren sollen.
Aus der Patsche hilft ihm ausgerechnet Kangleon, der als Gouverneur ebenfalls eine Rede halten will. Um diesen Wunsch anzumelden, tippt er MacArthur von hinten auf die Schulter. Eine Frechheit in den Augen des Generals. Kangleon wird in seiner Rede das Kapitol zur Verfügung stellen, aber viel interessanter scheint mir die Bewegung des Anstupsens – «kubit» in der lokalen Sprache Waray, «tapik» auf Tagalog. Das ist eine von vielen sanften Bewegungen, die in philippinischen Sprachen sehr präzis benannt werden. Auf Deutsch finde ich nur halbbatzige Entsprechungen.
Auch im Magnetitsandabbau spielt Übersetzung eine Rolle, allerdings im übelsten Sinn. Ein protestierender Bauer in MacArthur sagt, die ganze Belegschaft des Baggermonsters bestehe aus Chinesen. Die sprächen kein Wort Englisch, Tagalog oder Waray. Zwei Übersetzer stünden zur Verfügung, um Befehle durchzugeben.
Annette Hug ist Autorin und Übersetzerin. Seit August 2018 ist sie in der WOZ ihrem «Traum (und Albtraum) der Welt» nachgegangen. Heute dankt sie allen, die sich als Leser:innen zu erkennen gegeben haben – mit Kritik, Erweiterungsschleifen, Aufträgen oder Zuspruch.